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In: Zeitschrift für Pädagogik (2018), H. 4, (Auszug).

1 Demokratie in Politik und Gesellschaft

Demokratie war John Dewey ein Herzensanliegen von Anfang an. Bereits mit 29 Jahren veröffentlichte er einen Essay, der seine lebenslang anhaltende Grundüberzeugung zum Ausdruck brachte. In The Ethics of Democracy (1888) kritisierte Dewey die herrschende und dezidiert von Henry Maine in Popular Government (1886) vertretene Ansicht, dass sich Demokratie einfach politisch als „Herrschaft der Vielen“ definieren lasse. Die Meinung, erklärte er, dass Demokratie bloß eine „Regierungsform“ darstelle und allein „quantitativ“ zu bestimmen sei, mache den Menschen zu einem „isolierten Einzelwesen“ von rein „numerischer“ Bedeutung. Auch wenn das individuelle Wahlrecht und das Mehrheitsprinzip einen anderen Eindruck erweckten, sei der Mensch ein „soziales Wesen“, das der Gemeinschaft bedürfe und nur als Teil eines „sozialen Organismus“ zu persönlicher Freiheit und Autonomie gelange. Demokratie sei „eine Regierungsform bloß insofern, als sie eine Form der sittlichen und geistigen Vereinigung darstellt“ (EW 1, S. 240). Dieses ethisch zentrierte Merkmal, so Dewey, teile sie mit dem aristokratischen Modell. Von Platons Aristokratie unterscheide sie sich aber durch die Methode, wie das Ziel, nämlich das „höchste Gemeinwohl“, erreicht und verwirklicht werden könne. Während in Platons Republik eine kleine, uneigennützige Elite absolute Kontrolle ausübe, um das als „gut“ Erkannte zum Wohle der unorganisierten und inhaltlich überforderten Masse durchzusetzen, seien im demokratischen Staat alle Menschen gefordert, unter Absehung ihrer eigenen egoistischen Interessen selbst den allgemeinen Willen zu definieren und in freier Vereinigung all die Aufgaben anzugehen, die in Politik, Wirtschaft und Gesellschaft zur Entscheidung anständen. Im Gegensatz zur Aristokratie, fügte Dewey hinzu, zeichne sich die Demokratie durch einen „Individualismus“ aus, aber es sei ein „ethischer Individualismus“, der nicht libertär oder anarchisch agiere, sich vielmehr an den Zielen und Werten der Mitbürger orientiere, und nicht, wie nach Platons Behauptung und irriger Demokratievorstellung, an den Launen, Begierden und Interessen des Einzelnen. Genaugenommen sei die Demokratie jedoch nicht auf „Individuen“ angewiesen, sondern auf „Persönlichkeiten“, die durch gesellschaftliche „Anreize und Ermutigungen“, und nicht durch geisttötenden Zwang und Druck, gelernt hätten, eigenständig Initiative zu ergreifen, Verantwortung zu übernehmen und dem Humanitätsideal der französischen Revolution „Freiheit–Gleichheit–Brüderlichkeit“ uneingeschränkt Geltung zu verschaffen (S. 243-244).

In dem noch von seiner tief religiösen Einstellung beeinflussten Vortrag „Christianity and Democracy“ (1892) bestätigte Dewey zunächst einmal, dass er Demokratie als „geistiges Faktum“, nicht bloß als Teil einer „Regierungsmaschinerie“ ansehe. Demokratie sei schließlich, wie das Christentum, eine sittliche „Gemeinschaft der Ideen“, der „Interessen“ und des „Handelns“. Dann führte Dewey einen Gedanken ein, der zumindest seit Tocqueville (1984, S. 529) nahelag und zum festen Bestandteil seiner politischen Überlegungen werden sollte, nämlich die enge Verbindung von Demokratie und Wissenschaft. „Es ist kein Zufall“, sagte Dewey, „dass der zunehmende Ausbau der Demokratie mit dem Aufstieg der Wissenschaft zusammenfällt“ (EW 4, S. 9). Wissenschaft brauche Freiheit, d.h. „das Lösen von Fesseln und das Einreißen von Barrieren“, um von alten Dogmen loszukommen und um neue Wahrheiten zu finden. „Welche Wahrheit, welche Wirklichkeit auch immer im Menschenleben existiert, sie wird [durch Demokratie] befreit, sich selbst auszudrücken“ (S. 8). Demokratie und Wissenschaft bedingten sich mithin gegenseitig. Die Demokratie mit ihren umfassenden Freiheitsrechten erlaubte der Wissenschaft, unabhängig von autoritativen Vorgaben, neue Erkenntnisse zu gewinnen, sie zu begründen, zu lehren, zu publizieren. Die Wissenschaft mit ihren rationalen Untersuchungsmethoden ermöglichte wiederum der Demokratie, gesellschaftliche Aufgaben sachlich und vorurteilslos anzugehen und damit entscheidend zum Frieden und zum sozialen Fortschritt beizutragen. Die Verbreitung wissenschaftlicher Verhaltensweisen in der Bevölkerung war nach Dewey daher die Voraussetzung für die Entfaltung demokratischer Lebensformen und Gewohnheiten.

Im vielzitierten Kapitel 7 von Democracy and Education (1916) nahm Dewey den Faden wieder auf. Wodurch sich die Demokratie von anderen Politikmodellen unterscheide, notierte er dort, lasse sich durch zwei Kriterien näher bestimmen. Anders als etwa bei Platon und dem klassischen Liberalismus beständen in der voll ausgebildeten Demokratie zum einen „nicht nur zahlreichere und vielfältigere gemeinsame Interessen“, es existiere auch „eine größere Zuversicht, dass das wechselseitige Interesse als Faktor sozialer Kontrolle anerkannt wird“. Zum anderen impliziere Demokratie „nicht nur eine freiere Interaktion zwischen den sozialen Gruppen […], sondern auch eine Änderung des sozialen Verhaltens – seine beständige Anpassung an die Situationen, die durch vielseitige Interaktion neu entstehen“ (MW 9, S. 92). Dewey erläuterte seine Ansicht an einen Beispiel. In einer „Verbrecherbande“, schrieb er, beschränke sich das gemeinsame Interesse auf den materiellen Gewinn, den ihre Straftat erbringe; außerdem seien die Beziehungen, die die Bande zur Außenwelt unterhalte, im Vergleich zu demokratisch verfassten Gruppen unausweichlich auf ein Minimum reduziert, um den Erfolg ihrer kriminellen Machenschaften nicht zu gefährden (S. 89). Demokratie zeichnete sich nach Dewey also insbesondere aus (1.) durch gemeinsame Ziele und Interessen, (2.) durch die vertrauensvolle und veränderungsbereite Zusammenarbeit mit anderen Gruppen und (3.) durch die Anerkennung der Strukturen und Prozesse, die die Einhaltung der gesamtgesellschaftlich geteilten Normen und Regeln sicherten. Um diese umfassende Aufgabe zu bewältigen, brauche die demokratisch verfasste Gesellschaft „ein Bildungssystem, das in jedem einzelnen ein persönliches Interesse an sozialen Beziehungen und Kontrollen weckt und das zugleich die geistigen Gewohnheiten erzeugt, die soziale Veränderungen ermöglichen, ohne Chaos herbeizuführen“ (S. 105).

Deweys bedeutendste Schrift zur politischen Theorie ist indes nicht Democracy and Education, sondern The Public and Its Problems, die 1927 erschien. Dort entwickelte Dewey, vor allem in kritischer Auseinandersetzung mit Walter Lippmanns Studie Public Opinion (1922) und Graham Wallas‘ sozialpsychologischem Werk The Great Society (1914), die Idee der „großen Gemeinschaft“ (great community), die er so näher bestimmte: „Wo immer es eine gemeinsame Tätigkeit gibt, deren Folgen von jedem einzelnen der an ihr teilnehmenden Personen für gut befunden werden, und wo die Verwirklichung des Guten von der Art ist, dass sie ein tatkräftiges Verlangen und Bemühen hervorruft, es zu erhalten, weil es ein von allen geteiltes Gut ist, da gibt es insofern eine Gemeinschaft“ (LW 2, 328). Im Grundsatz teilte Dewey Lippmanns und Wallas‘ Analyse. „Die Öffentlichkeit“, urteilte er, „ist so verwirrt und verdunkelt, dass sie nicht einmal die Organe nutzen kann, durch die sie politisches Handeln und politische Ordnung vermitteln soll“ (LW 2, S. 311). Doch Dewey wählte einen anderen Weg aus dem Dilemma. Im Gegensatz zu Wallas und Lippmann befürwortete er weder die Rückkehr zur urwüchsigen Siedlerdemokratie noch den Wechsel zur technokratischen Expertenherrschaft. Die Menschen, behauptete er, könnten die Kontrolle über ihr Schicksal nur zurückgewinnen, wenn sie ihre Isolierung überwänden, sich zum gemeinsamen Handeln vereinten und ein starkes Gemeinschaftsgefühl entwickelten. Entscheidend sei der direkte Kontakt der Menschen untereinander. Die persönliche Begegnung in „face-to-face“-Situationen bildete seines Erachtens die notwendige Bedingung dafür, dass der Gedankenaustausch funktionieren, eine Vertrauensbasis auf gegenseitiger Wertschätzung entstehen und die Annäherung der unterschiedlichen gesellschaftlichen Vorstellungen gelingen könne. Für Dewey war die mangelnde Kommunikation untereinander, die gesellschaftliche Desintegration und Entsolidarisierung selbstzerstörerisch. Um das Problem zu lösen, erklärte er, müsse die Öffentlichkeit das Heft selbst in die Hand nehmen und sich jenseits der verkrusteten Parteien und Verbände neu organisieren. Die Erziehung spiele dabei eine entscheidende Rolle. Damit sie nicht impulsiv handelten, apathisch abseits ständen, sich gar bevormunden und indoktrinieren ließen, sollten alle Menschen außer einer hohen Allgemeinbildung auch – und vor allem aufgrund der wesenhaften Beziehung zwischen Demokratie und Wissenschaft – eine alltagstaugliche sozialwissenschaftliche Grundbildung erhalten. Unterstützt von einer unabhängigen Sozialwissenschaft, die interdisziplinär und anwendungsorientiert forscht und transparent und nachvollziehbar alle notwendigen Informationen zur Verfügung stellt, sei jeder Bürger dann ohne weiteres in der Lage, die politischen Zusammenhänge zu verstehen, die sozialen Konsequenzen zu beurteilen und, nicht zuletzt, selbst über Programme, Richtlinien und Gesetze zu entscheiden, die hohe Komplexität besitzen und große Sachkompetenz erfordern. Gesellschaftliche Konflikte würden natürlich immer auftreten, doch Dewey war überzeugt, dass sich durch den öffentlich geführten und wissenschaftlich fundierten Diskurs Eskalation und Gewalt vermeiden und sich – ohne Rückgriff auf staatliche Institutionen und Repräsentanten – Wege und Lösungen finden ließen, die das Allgemeinwohl stärkten und den Frieden wahrten.

Anders als im klassischen Liberalismus gab es bei Dewey keine „unsichtbare Hand“, die quasi automatisch dafür sorgte, dass sich Eigennutz und Gemeinnutz harmonisch ergänzten. Seines Erachtens bedurfte es einer dauernden kollektiven Anstrengung, um Individuum und Gesellschaft miteinander zu versöhnen. Erst wenn ein allgemeines Bewusstsein vorhanden sei, erläuterte er, das durch gemeinsames Denken, Handeln und Erfahren, durch ständige Beratung, Beteiligung und Zusammenarbeit entstanden war, würde sich aus der zersplitterten „großen Gesellschaft“ die „große Gemeinschaft“ entwickeln, in der sich alle aufgehoben und integriert fühlten. Daher war der Dreiklang von Kommunikation, Partizipation und Kooperation für Dewey die unerlässliche Voraussetzung, damit die Menschen zum einen ihre Potentiale ausschöpfen und sich voll verwirklichen konnten; zum anderen seien sie dann auch in der Lage, ihre unveräußerlichen Rechte auf Selbstbestimmung, Chancengleichheit und sozialer Gerechtigkeit uneingeschränkt wahrzunehmen. Was Dewey ersehnte, war eine Form der „sozialen“ und „direkten Demokratie“, die – je nach Interpretation (Damico, 1978; Westbrook, 1991; Ryan, 1995) – dem Vorbild des amerikanischen „town hall meeting“, des englischen Gildensozialismus oder der Peirceschen Forschungsgemeinschaft entstammte. Auf jeden Fall sollten in der großen Gemeinschaft alle Arten der Bevormundung, Unterdrückung und Ausbeutung beseitigt und alle Aufgaben, Fragen und Probleme des gesellschaftlichen Lebens unter Zuhilfenahme von wissenschaftlicher Methodik und Expertise öffentlich und gemeinschaftlich so lange reflektiert und diskutiert werden, bis ein Ergebnis gefunden worden war, das dem Gemeinwohl diente und die Betroffenen zufriedenstellte. Nach neuerem Sprachgebrauch könnte man von einer „partizipativen“, „kooperativen“, „deliberativen“ oder, vielleicht noch besser, von einer sozial-integrativen Demokratie sprechen. Denn Deweys Ideal war nicht eine Demokratie der Abstimmung und formalen Mehrheitsfindung, sondern – wie bei Habermas (1992) – eine Demokratie der Beratung und einvernehmlichen Entscheidung. Parteien, Verbände, Berufspolitiker, faule Kompromisse hatten da ebenso wenig Platz wie Herrschaft, Macht und Fremdbestimmung.

Als früher Vertreter des modernen Kommunitarismus verstand Dewey unter Demokratie eher ein soziales als ein politisches Projekt, weil sich Individuen erst in zunächst kleinen Gemeinschaften zu selbständigen und kreativen Persönlichkeiten entwickeln müssten, um schließlich die „große Gemeinschaft“ mit wahrhaft demokratischen Strukturen und Prozessen schaffen zu können. „Eine Demokratie“, so Deweys berühmte Formulierung in Democracy and Education, „ist mehr als eine Regierungsform, sie ist in erster Linie eine Form des Zusammenlebens, der gemeinsamen und miteinander geteilten Erfahrung“ (MW 9, S. 93). Und als sittliche Aufgabe und allgemeine „Lebensform“ sollte sie auf Konsens und Solidarität beruhen und alle Bereiche der Politik, Wirtschaft und Gesellschaft durchdringen. Hein Retter (2009, S. 58-73) z.B. weist mit Recht auf das unpolitische, vormoderne, utopische Potential hin, das in Deweys Demokratie-Konzept zweifellos steckt.