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Kirchberg/Jagst: Schloß-Schule Kirchberg 2007. S. 11-44.


1. Von der Lateinschule zum Landerziehungsheim 1914 - 1933

Kirchberg, die kleine Hohenlohesche Residenzstadt an der Jagst, besaß seit 1714 eine öffentliche Lateinschule, die – wie ihre Schwesterschulen andernorts – in der Kaiserzeit einen rapiden Niedergang erlebte. Schulträger war zunächst das Fürstentum Hohenlohe-Kirchberg, dann die Stadt Kirchberg, die aber auch nach dem Aussterben der Adelsfamilie im Jahre 1861 von der Fürstlichen Stiftungs- und Almosenpflege des Erbhauses Hohenlohe-Öhringen für den Unterhalt der Schule weiterhin Gelder erhielt. Die Berufung der Lehrer und die Aufsicht über den Unterricht lag beim Königlich Evangelischen Konsistorium in Stuttgart, das dieses Recht zumeist durch den ältesten Ortsgeistlichen ausüben ließ.

Die Kirchberger Lateinschule war klein. Sie besaß anfangs zwei, Rektor und Oberpräzeptor genannte, geistliche Lehrer, beanspruchte in dem 1748 errichteten, prächtigen barocken Schulhaus (heute Sandelsches Museum) zum Schluss jedoch nur noch ein Klassenzimmer. Der Oberpräzeptor unterrichtete die manchmal nicht mehr als zehn Kinder in zwei bis vier Klassenstufen in den Elementarfächern Religion, Erdbeschreibung, Geschichte, Rechenkunst. Darüber hinaus führte er sie in die Anfangsgründe der lateinischen Sprache und – mit Fächern wie Naturlehre, Pflanzenkunde und Ökonomie – in die Grundlagen der bürgerlichen Professionen und Künste ein. Diese Mischung aus Bildungsinhalten eines Gymnasiums und einer Realschule brachte es mit sich, dass der zukünftige Gelehrte gemeinsam mit dem zukünftigen Schreiber, Handwerker und Kaufmann (gelegentlich auch einer „höheren Tochter“) die Schulbank drückte, keiner aber die Möglichkeit hatte, am Ort eine anerkannte Abschlußprüfung – etwa das Abitur oder daseinjährig-freiwilligen Examen“ (Mittlere Reife) – abzulegen; dazu mussten die Kinder auswärtige Schulen besuchen und zum Beispiel nach Crailsheim auf die Lateinrealschule oder nach Schwäbisch Hall auf das Gymnasium St. Michael gehen.

Kirchbergs erste und einzige höhere Bildungsanstalt fand nach zweihundert Jahren ihr vorläufiges Ende, als 1911 zunächst die mit dem Präzeptorenamt verbundene 2. Stadtpfarrstelle von Gottlob Diez (der die erste Pfarrstelle übernahm) als Sparmaßnahme des Evangelischen Kirchenkonsistoriums nicht wiederbesetzt und dann 1913 gegen den heftigen Widerstand der Fürstlich Hohenloheschen Standesherrschaft durch einen Erlaß der Königlich Württembergischen Ministerialabteilung für die höheren Schulen mit Wirkung vom 1. April 1914 endgültig aufgehoben wurde. In den drei Jahren nach dem Ausscheiden von Pfarrer Diez aus dem Schuldienst wurden nacheinander drei Amtsverweser (Zluhan, Kämpf, Maag) bestellt, die den Schulbetrieb aufrechterhielten und den Unterricht behelfsmäßig versorgten.

Der Beschluß der Kirchen- und Schulbehörden, die Lateinschule bedingungslos zu schließen, traf die stolze 1000-Seelen-Gemeinde mit ihrem über 500-jährigem Stadtrecht hart. Schließlich war Kirchberg auch die Gemeinde, die im gesamten Fürstentum Hohenlohe die letzte selbständige Lateinschule besaß. In Neuenstein, Waldenburg, Langenburg und den anderen Residenzstädten des Landes existierte sie nur noch als freiwilliger Nebenzweig der allgemeinen Volksschule, der sog. „deutschen“ Schule. Deshalb wollten Kirchbergs Stadtväter die Entscheidung von Konsistorium und Ministerium auch nicht einfach hinnehmen und entsandten eine Delegation nach Stuttgart, die zwar eine nochmalige Prüfung der Frage erreichte, aber letztlich nicht die Revision des Beschlusses erwirken konnte.

Um die Schule im Ort zu halten und den Stadtsäckel möglichst zu schonen, verfielen Stadtschultheiß Wilhelm Rüdt und sein Gemeinderat zusammen mit der städtischen Studienkommission auf eine Lösung, die außergewöhnlich war und ganz modern anmutet. Sie zielte darauf ab, eine an sich öffentliche Aufgabe zu privatisieren und die Schule in ein von Staat und Kommune unabhängiges Wirtschaftsunternehmen umzuwandeln. Am 29. Dezember 1913 veranstaltete die Stadt daher eine öffentliche Anhörung und lud Oberstudienrat Dr. Schwend aus Stuttgart und Privatschuldirektor Karl Stracke aus Blaubeuren zum Vortrag ein. In den Diskussionen und Referaten stellte sich zum einen heraus, dass die Kirchberger Bürgerschaft die Errichtung einer Realschule bzw. einer Lateinrealschule nach Crailsheimer Muster favorisierte, weil diese mehr als die bisherige Lateinschule ihren Absichten und lebenspraktischen Bedürfnissen entsprach. Zum anderen machte Dr. Schwend in seinem Vortrag deutlich, dass die Errichtung einer allein von Ortsschülern besuchten Privatschule überhaupt nur dann in Betracht käme, wenn anstelle eines relativ teuren, häufig wechselnden Lehrers eine erheblich weniger verdienende, sich nicht so oft verändernde Lehrerin eingestellt würde; aber selbst dann würde der notwendige Zuschuss und damit die finanzielle Belastung für die Stadt immer noch unerschwinglich hoch ausfallen. Unter diesen Umständen hörten Gemeinderat und Bürgerschaft aufmerksam zu, was Direktor Stracke zu sagen hatte. Es wäre für alle von Vorteil, argumentierte dieser, wenn die neue Schule außer den Kirchbergern auch auswärtige Schüler als Pensionäre aufnehme, denn bei einer auf diese Weise vergrößerten Schule könnten die Ortseltern mit niedrigeren Schulkosten, die einheimischen Kaufleute und Handwerker mit zusätzlichen Geschäften und die Stadt mit höheren Einnahmen rechnen.

Die Gründung der Reformschule durch Karl Stracke

Obwohl Stracke nicht alle Erwartungen erfüllte, die bei der Anhörung an ihn gerichtet worden waren, entschieden sich die Stadtväter Kirchbergs in ihrer Sitzung am 2. März 1914 für den Schulunternehmer aus Blaubeuren. Zugleich unterbreiteten sie ihm einen Vorschlag, wie die gewichtige Raumfrage gelöst werden könne. Da die alte Lateinschule wegen des wachsenden Platzbedarfs der gleichfalls dort untergebrachten „deutschen“ Schule als Standort nicht in Frage komme, erklärte die Stadt, biete sie ihm als neues Schul- und Internatsgebäude den sog. „Eberhardsbau“ an, ein imposantes vierstöckiges Gebäude, das – mit kleiner Parkanlage – vor dem eigentlichen Schloß lag und der Fürstlich Hohenloheschen Standesherrschaft gehörte.

Karl Stracke, ein studierter Handelslehrer und tüchtiger Pädagoge, war mit dem Plan einverstanden. Geboren am 14. Mai 1858 in Bad Wildungen, betrieb Stracke seit 1905 in der schwäbischen Kleinstadt nahe Ulm mit großem Erfolg eine sog. Reformschule, d.h. eine höhere Lehranstalt mit Pensionat, die sich vom traditionellen altsprachlichen Gymnasium durch einen flexiblen, auch die modernen Sprachen und Naturwissenschaften berücksichtigenden Lehrplan unterschied. Aufgrund der Gediegenheit, des eisernen Fleißes, reichen Wissens und pädagogischen Talents seines Leiters war die Schülerzahl stark angestiegen und ein Abflauen der Nachfrage nicht abzusehen, so dass Stracke in Blaubeuren mehrere Villen erwarb und sich überdies nach einer Außenstelle auf dem Lande umsah, wo die jüngeren Schüler – fern vom schädlichen Einfluss der älteren – ihren Studien unbeirrt und unbeschwert nachgehen konnten. Um dem Bedürfnis der Kirchberger Bürgerschaft nach höheren Zeugnissen entgegenzukommen, verpflichtete sich Stracke, in seiner neuen Zweigschule neben den Internatsschülern nicht nur Ortsschüler aufzunehmen, sondern diese auch – je nach Wunsch – auf die Abschlußprüfungen der Realschule oder des Gymnasiums gründlich vorzubereiten.

Umbau und Einrichtung des Eberhardsbaus (1968 wurde er – unverzeihlicherweise – abgerissen) nahm nur kurze Zeit in Anspruch. Bereits am 1. Mai 1914, also genau einen Monat nach Schließung der Lateinschule und kaum zwei Monate vor Ausbruch des Ersten Weltkriegs, konnte die Reformschule Kirchberg a. d. Jagst als Jugendabteilung der Blaubeurer Anstalt und als eine der wenigen höheren Bildungsstätten der Region im Eberhardsbau würdig eröffnet werden. Wie die Tageszeitung des Oberamtsbezirks Gerabronn, „Der Vaterlandsfreund“, am folgenden Tag berichtete:

Herr Stadtschultheiß Rüdt, dessen Initiative man das Zustandekommen der Schule zu danken hat, begrüßte den Herrn Direktor Stracke mit seinen beiden Lehrern, sowie die Pensionsvorsteherin Frau Oberstleutnant Baierlin, die Pensionäre und Schüler, im Namen der Stadt Kirchberg, dankte den erschienenen Eltern für die Unterstützung der Schule, insbesondere aber Herrn Direktor Stracke für sein Werk, das unserem Städtchen eine höhere Schule sichert, und wünschte dem Unternehmen Gottes reichen Segen. Herr Direktor Stracke dankte Herrn Stadtschultheiß Rüdt für die freundlichen Empfangsworte und versprach sein möglichstes zu tun im Interesse der Schule und der Schüler, deren wissenschaftliche Fortbildung und Erfolge der schönste Lohn eines Schulmannes, insbesondere an einer Privatanstalt sei, und hofft mit Gottes Hilfe, auch die Kirchberger Anstalt einem größeren Umfange entgegegenzuführen.

Nach der kleinen Feier konnten die Lehrer Otmar Mößner und Franz Bauer mit 6 internen Buben und 17 externen Jungen und Mädchen der Klassen 1 bis 3 (heute 5 bis 7) ihre Arbeit aufnehmen.

Da der Reformschule – anders als der Lateinschule – die offizielle staatliche Anerkennung als „höhere“ Lehranstalt fehlte, oblag die Schulaufsicht dem seit 1911 für das „niedere“ Volksschulwesen zuständigen Königlich Evangelischen Oberschulrat in Stuttgart. Bei ihm bzw. beim Evangelischen Bezirksschulamt Mergentheim hatte die Schulleitung für die nächsten 15 Jahre Lehrpläne, Stundentafeln, Jahresberichte und Anträge auf Unterrichtsgenehmigung einzureichen, was zumeist mit aller Sorgfalt und Ausführlichkeit geschah. Darüber hinaus übte das Bezirksschulamt seine Aufsicht aus, indem es sich unmittelbar vor Ort durch Teilnahme an den Prüfungen und durch Unterrichtsbesuche von der Beobachtung des Unterrichtsplans, von der Schulzucht und der Aufführung der Lehrer Kenntnis verschaffte.

Das Schulgeld betrug für Ortsschüler 100 Mark pro Jahr, während die Pensionäre für Unterricht, Kost und Logis 1000 bis 1200 Mark entrichten mussten. Von manchen Kirchberger Bürgern wurde der zu zahlende Elternbeitrag als zu hoch angesehen, er war aber nur deshalb nicht noch höher, weil die Städtische Pflegekasse und die Fürstliche Stiftungs- und Almosenpflege (bis zur Inflationszeit der zwanziger Jahre) den Schulbesuch der Ortsschüler mit jährlich insgesamt 400 bzw. 800 Mark subventionierten. Für sozial weniger privilegierte Eltern bestand zudem die Möglichkeit, bei der Schulleitung ein Stipendium oder – wie man früher sagte – eine teilweise oder volle Freistelle für ihr begabtes Kind zu beantragen, eine finanzielle Entlastung, die – damals wie heute – oft und reichlich in Anspruch genommen wurde.

Strackes Reformschule war in ihrem Anliegen ehrgeizig und in ihrer Außendarstellung selbstbewusst. Sie versprach, überall dort einzuspringen und wirksam zu helfen, wo sich zuvor kein schulischer Erfolg und kein pädagogischer Fortschritt eingestellt hatte. Über das Programm, die Organisation und die ambitionierte Zielsetzung des Kirchberger Unternehmens gibt ein nüchterner – wahrscheinlich im Sommer 1914 herausgegebener – Prospekt detailliert Auskunft:

Die Reformschule Kirchberg, für welche die gleichen Lehrpläne wie für ihre Mutteranstalt, die Reformschule Blaubeuren, gelten, ist, wie aus diesen Lehrplänen ersichtlich, eine Zusammenlegung von Gymnasium, Reformgymnasium, Realgymnasium, Reformrealgymnasium und Oberrealschule. In den Fächern, welche diesen Schulgattungen gemeinsam sind, erhalten die Schüler einer Klasse auch einen gemeinsamen Unterricht, in mehr speziellen Unterrichtsgegenständen, etwa Griechisch oder Englisch, werden sie getrennt unterrichtet.

Das Ziel, das die Reformschule sich zu erreichen bemüht, ist nach dem Willen ihres Gründers ein vierfaches:

1) Sie will auf das vor der Kommission in Stuttgart abzulegende Examen vorbereiten, dessen Bestehen zum einjährig-freiwilligen Militärdienst berechtigt. Den Schlußstein dieser Vorbereitung soll einstweilen der Besuch der Reformschule Blaubeuren bilden.

2) Abgesehen von diesem in weiterer Ferne liegenden Ziele und unbeschadet dieses Zieles bestrebt sich die Reformschule jeden Schüler bis zum Schluß des Schuljahres (1. August) in seinen Kenntnissen und Fähigkeiten so weit zu fördern, daß er in die nächsthöhere Klasse einer öffentlichen Unterrichtsanstalt eintreten kann.

3) Die Reformschule will solchen Schülern, die aus irgend einem verschuldeten oder unverschuldeten Grunde in einer öffentlichen Schule ihr Ziel nicht erreichen, Gelegenheit geben unter gleichzeitiger Wiederholung des Versäumten so weiter zu arbeiten, daß sie nicht hinter ihren Altersgenossen der öffentlichen Schulen zurückbleiben.

4) Endlich ist die Reformschule für solche Schüler da, die sich lediglich ein bestimmtes Wissen und Können aneignen wollen, ohne mit dem Erworbenen irgend eine Berechtigung zu erstreben. Dies kommt insbesondere für die weibliche Jugend in Betracht.

Daß neben dem Wissen und Können vermittelnden Unterricht die Erziehung nicht versäumt wird, ist seit der Lehre vom erziehenden Unterricht selbstverständlich. Ebenso selbstverständlich ist, daß diese erziehende Tätigkeit den Pensionären gegenüber auch außerhalb des eigentlichen Unterrichts nicht ruht.

Karl Stracke, politisch aktiv in der nationalliberalen Partei Blaubeurens und seines Reichswahlkreises, war sicherlich kein Pädagoge, der eine grundlegende Reform in Erziehung und Unterricht erstrebte. Weder vertrat er die damals heiß diskutierten pädagogischen Ideen von Berthold Otto, Hugo Gaudig, Georg Kerschensteiner oder Hermann Lietz, noch versuchte er, deren Forderungen nach Gesamtunterricht, praktischem Lernen, freier geistiger Tätigkeit oder ganzheitlicher Internatserziehung zu verwirklichen. Stracke war aber insofern ein dem Neuen aufgeschlossener Pädagoge, als er das Kind und seine individuelle Förderung in den Vordergrund der Schul- und Erziehungsarbeit stellte. Die Individualisierung des Unterrichts sollte durch kleine Klassen, vermehrte Pausen und (von 60 auf 45 bzw. 40 Minuten) verkürzte Unterrichtsstunden gewährleistet werden. Und die Eltern sollten von aufreibenden Pflichten dadurch entlastet werden, dass ihre Kinder die Hausaufgaben in speziellen Arbeitsstunden erledigten, die – über den Vormittag verteilt – zum Teil fest in den Unterricht integriert waren. Abgesehen von Religion, Zeichnen, Schönschreiben und Singen, die von Fachkräften im Nebenamt erteilt wurden, hatten die 30 bis 50 Schloß-Schüler Unterricht in drei bis fünf Klassen bei zunächst zwei, dann vier akademisch gebildeten Lehrern, was gegenüber der zuletzt durch einen Lehrer betreuten Lateinschule ein großer Fortschritt war und von den Kirchberger Eltern auch als solcher empfunden wurde.

Die Berücksichtigung von Erkenntnissen der zeitgenössischen Lehr- und Lernforschung und die Beachtung von Herbarts berühmter Forderung nach erziehendem Unterricht kann freilich nicht darüber hinwegtäuschen, dass Strackes Reformschule im Kern eine „Paukschule“ und „Drillanstalt“ war, die durch Druck und schulmeisterlicher Anleitung versuchte, alte Lerndefizite auszugleichen, neue Bildungschancen zu eröffnen und ihre Schüler – insbesondere die ausschließlich männlichen Pensionäre – zielgerichtet und so intensiv wie möglich auf die Prüfung der (erst später so genannten) „mittleren Reife“ vorzubereiten. In der Tat waren die guten Ergebnisse bei dem – die Wehrdienstzeit von drei auf ein Jahr reduzierenden – „einjährig-freiwilligen Examen“ der entscheidende Grund, warum Rechtsanwälte, Ärzte, Bierbrauer, Kaufleute und andere Angehörige der bürgerlichen Mittelschicht ihre schulmüden, unbändigen oder lerngehemmten Sprösslinge zuerst ins Kirchberger Junioren-, dann – ab Klasse 5 (heute Klasse 9) – ins Blaubeurer Senioreninternat schickten. Davon zeugen auch die vielen Briefe, die Stracke von dankbaren Eltern erhielt und die er – in einer Broschüre gesammelt – als Referenz- und Werbematerial an Interessenten versandte. Hier das (gekürzte) Beispiel eines Dankbriefes:

Sehr geehrter Herr Stracke!

... Ich bezeuge Ihnen gerne, daß mein Sohn Josef im Herbst vorigen Jahres in Ihren Privat-Unterricht eingetreten ist, um die nötigen Kenntnisse für das Einjährig-Freiwilligen-Examen zu erwerben, daß er am 20. ds. das Examen gut bestand und daß er diesen seinen Erfolg nur Ihnen zu verdanken hat, der Sie neben einer hervorragenden Lehrmethode es verstehen, die jungen Leute mit großer Nachsicht und freundlichem Entgegenkommen zum Studium anzueifern und zu ermuntern. ... 
                                                                   Jos. Leuchs, Hofbankier

Im Vergleich zur Schule spielte das – von Maria Baierlin geleitete – Pensionat nur eine untergeordnete Rolle. Im Sommerhalbjahr hatten die Schloß-Schüler im Durchschnitt 40, im Winterhalbjahr 34 Wochenstunden Unterricht bzw. Hausaufgabenbetreuung. Für Sport, Spiel und Erholung blieb da nicht allzu viel Raum übrig, zumal die Schüler um 9 Uhr zu Bett gehen mussten. Die wenige unterrichtsfreie Zeit war straff organisiert, aber nicht völlig verplant, weil nur auf diese Weise, so das Argument, das Gefühl der Selbständigkeit und der Umgang mit Freiheit und Freizeit verantwortlich erlernt werden könne. Drei Mal in der Woche: am Mittwoch-, Samstag- und Sonntagnachmittag – unternahmen die Pensionäre, wenn das Wetter es gestattet, gemeinsame Ausflüge in die nähere Umgebung oder führten Kriegsspiele und sportliche Wettkämpfe durch. Sonntagsvormittags waren der Besuch des Gottesdienstes und das Briefschreiben an Zuhause obligatorisch.

Stracke verstarb, erst 57-jährig, jäh und unvermittelt am 10. Juni 1914, also nur sechs Wochen nach Eröffnung der Kirchberger Dependance, an den Folgen eines Schlaganfalls. Zwei Herren des Blaubeurer Stammhauses wollten die Juniorenschule in Kirchberg sogleich übernehmen, doch der Ausbruch des Krieges rief sie zu den Waffen und verhinderte den Verkauf, was indes kein Schade war, denn ein Dr. Fritz Schneider, von dem wir außer dem Geburtsdatum, dem 1. November 1877, nichts in Erfahrung bringen konnten, übernahm die kommissarische Leitung und führte Schule und Pensionat im Namen der Witwe Louise Stracke unverändert fort.

Doch gute zwei Jahre später, im Winter 1916/17, als der Krieg endgültig zum Weltkrieg eskalierte, bahnte sich eine grundlegende Veränderung an. Wegen des starken Rückgangs der Schülerzahlen – nicht zuletzt bewirkt durch die mangelnde Führungskraft der Schulleitung sowie durch die Verunsicherung und Verarmung des Bürgertums – kündigte Louise Stracke den Mietvertrag mit der Fürstlich Hohenloheschen Domänenkanzlei zum 31. September 1917, überführte aber die wenigen verbliebenen Internatsschüler schon im Dezember 1916 zurück nach Blaubeuren. Obwohl die Verhandlungen, die die Stadt Kirchberg sofort mit einer anderen Schule, der Höheren Privatschule, Institut „Sonnenberg“ aus Stuttgart, über den Kauf und Fortbestand der Reformschule begonnen hatte, zu nichts führten, fand sich auch für die Ortsschüler schnell eine Lösung. Die Kirchberger Kinder besuchten ab dem 1. Januar 1917 die nun so genannte Privat-Realschule, die zeitweise von einem einzigen Lehrer, Rudolf Besser, versorgt wurde und die – wenngleich formell nach wie vor im Eigentum Louise Strackes – finanziell selbständig sein und ganz von Beiträgen der Stadt und der Schülereltern unterhalten werden sollte. Allen Beteiligten war jedoch von vornherein klar, dass die Einrichtung einer nur von Kirchberger Schülern besuchten höheren Lehranstalt lediglich eine Zwischenlösung darstellen konnte und vor allem aus wirtschaftlichen Erwägungen so schnell wie möglich wieder aufgelöst werden musste

Rudolf Besser und der Ausbau zum Landerziehungsheim

Es kann daher nicht verwundern, dass die Privat-Realschule Kirchberg a. d. Jagst bloß wenige Monate bestand. Bereits im März 1917 kaufte der bisherige Lehrer Rudolf Besser die Schule von Louise Stracke. Er übernahm von ihr die Schul- und Internatsräume im Eberhardsbau sowie eine kombinierte Lehrer-Schülerwohnung im sog. „Langen Bau“ des Kirchberger Schlosses, um im Einverständnis mit der Stadt das alte Schulkonzept wiedererstehen zu lassen.

Rudolf Besser, am 11. Dezember 1887 als Sohn eines Lazarettarztes in Straßburg geboren, hatte – nach eigenem Bekunden – Englisch und Französisch studiert und während der Kriegszeit an der Universität Halle die akademische Prüfung bestanden. Im September 1916 war er nach Kirchberg gezogen, wo er Lehrer an der Reformschule wurde und – am 9. April 1917 – Amalie Rüdt, die zweite Tochter des Kirchberger Stadtschultheißen Wilhelm Rüdt, heiratete.

Besser führte die abermals Reformschule genannte Anstalt seit dem 1. Mai 1917 – zunächst mit zwei Lehrerinnen – als unvollständige Realschule fort. Doch zügig erweiterte er das Angebot in drei Richtungen. Zum einen eröffnete er eine sog. Vorschulklasse. Vorschulklassen waren im Kaiserreich weit verbreitet, allerdings waren sie nicht – wie man aus heutiger Sicht vermuten könnte – für Kinder von vier bis sechs Jahren gedacht, sondern für Grundschüler, die als gymnasialreif galten, denen aber für den direkten Eintritt in die „Sexta“ (heute 5. Klasse) der höheren Schule das notwendige Alter oder das notwendige Wissen fehlte. Zum zweiten nahm Besser Schüler nicht nur in die Realschule und die Unter- und Mittelstufe, sondern auch in die „Obersekunda“ (heute Klasse 11) des Gymnasiums und Realgymnasiums auf, weshalb er auch den Namen der Schule änderte. Im Briefkopf stand seit dem Frühjahr 1919 nicht mehr schlicht Reformschule, sondern respektgebietend Höhere Reformschule. Zum dritten versuchte Besser die unausgelasteten Kapazitäten seiner Schule zu nutzen, indem er im Internat ein Erholungsheim für erschöpfte und ruhebedürftige Kinder einrichtete – ein Nebengeschäft, über dessen Lukrativität die vorliegenden Akten indes keine Auskunft geben.

Trotz aller Änderungen und Erweiterungen blieb die Schloß-Schule im Grunde ein staatlich genehmigtes Progymnasium mit starkem Realschulbezug, dessen Ziel es war, seinen Schülern die Ablegung der mittleren Reife und den Besuch der gymnasialen Oberstufe zu ermöglichen. Diese Abschlussprüfung, das sei erwähnt, wurde bis 1920 vor einer amtlichen Kommission in Stuttgart, dann vor einem Kommissar des Deutschen Reichsverbands höherer Privatschulen und schließlich – seit Ostern 1925 – vor den eigenen Lehrern im Hause abgelegt, wobei der Wert der beiden letzten Prüfungen wegen der fehlenden staatlichen Anerkennung allerdings umstritten war, so dass Schule und Elternschaft bei den vorgesetzten Behörden immer wieder auf eine offizielle Ermächtigung zur Ausstellung von Reifezeugnissen drängten.

Im Gegensatz zu Stracke war Besser mit den Themen und Diskussionen der Reformpädagogik wohl vertraut. Unmittelbar nach dem Ende des Ersten Weltkriegs, als sich die politischen Strukturen der Kaiserzeit aufzulösen und die neuen Denkmuster der Weimarer Demokratie zu etablieren begannen, vollzog er einen radikalen Kurswechsel. Er verpasste seiner Schule ein neues Gesicht und – mit dem Prospekt von 1919 – auch ein neues Programm. Wenn man pointiert formuliert, kann man sagen: Während Strackes Pensionat vornehmlich als „Paukschule“, „Drillanstalt“ oder „Presse“ fungierte und seine Schüler bestmöglich auf die staatlichen Abschlussprüfungen vorbereitete, war das neue Bessersche Internat klar reformpädagogisch orientiert und vor allem an der ganzheitlichen Bildung und Entwicklung seiner Schüler interessiert.

Besser verstand die Schloß-Schule daher jetzt nicht mehr nur als Reformschule, d.h. als eine Schule frei von altem Zopf und Ballast der Vergangenheit; vielmehr bezeichnete er sie werbewirksam und mit offensichtlichem Bezug auf Hermann Lietz auch als Landerziehungsheim. In dem neuen Prospekt Reformschule und Landerziehungsheim Schloß Kirchberg a. Jagst, der zwanzig großformatige Seiten umfasste und – ansprechend gestaltet – bei der Buchdruckerei Friedrich Bauer in Kirchberg erschien, nahm deshalb die geistig-körperlich-seelische Persönlichkeitsbildung, nicht der einseitig verstandesmäßige Schulunterricht den zentralen Platz ein. Wie für Hermann Lietz, der das erste „Deutsche Landerziehungsheim“ 1898 in der Pulvermühle bei Ilsenburg im Harz gegründet hatte, war für Besser die Großstadt mit ihrer Hektik, Verführung, Gewalt und dem Massenunterricht der staatlichen Schule das Feindbild und die Landgemeinde mit ihrer Harmonie, Ruhe, Unverdorbenheit und dem natürlichen Leben und Lernen in kleinen Gruppen das positive Gegenbild. Mit Emphase warb er für das neue Kirchberger Landerziehungsheim:

Wer kennt sie nicht, die Erziehungsnöte der Stadt? Von Erziehung an sich kann kaum mehr die Rede sein. Unterricht und Vermittlung eines gewissen Ausmaßes an Wissen, Verstandesbildung, darauf liegt notgedrungen das Hauptgewicht. Die Pflege und liebevolle Förderung der Kinderseele muß in den Hintergrund treten. Die Schule hat weder Zeit noch Gelegenheit, sich auch damit zu befassen. Außerhalb des Unterrichts ist jeder sich selbst überlassen. ...

Da tut nur eines not! Ihr Eltern in der Stadt, schickt Eure Kinder aufs Land! So faßt ihr das Übel an der Wurzel. Schafft dem gefährdeten Organismus andere, gesündere, natürliche Lebensbedingungen! Eure Kinder werden es Euch einst danken und ihr werdet Freude haben an ihnen. Und tut es möglichst bald! Vorbeugen ist besser als Heilen. … die Vorteile der Stadtschule wiegen ihre Nachteile nicht auf. Was helfen die besten hygienischen Einrichtungen, Sport und Leibesübungen, was der gewissenhafteste Religionsunterricht und die eindringlichste Sittenlehre, was nützen schließlich, wenn es hoch geht, die paar Ferienwochen auf dem Land? Das alles ist nur Notbehelf. Der Atem der Stadt ist und bleibt giftig, heute noch mehr wie ehedem, giftig für Körper und Gemüt. Er stellt alles mühsam Errungene wieder in Frage. …

Dem Kinde vor allem die Natur! Sie ist die beste und gütigste Lehrmeisterin, sie ist die Heilbringerin, die Spenderin der Kraft, der Jungbrunnen aller wahren Bildung und Kultur. Diese Erkenntnis hat sich längst Bahn gebrochen. In allen Kulturländern der Erde sind ländliche Erziehungsheime aus dem Boden gewachsen und gerade bei uns haben sich viele durch deutschen Fleiß und deutsche Gründlichkeit zu wirklichen Musteranstalten entwickelt. ...

Der Hauptzweck unserer Anstalt ist natürlich nicht nur, unsere Zöglinge zu aufrechten, klaren, wohlanständigen jungen Männern zu erziehen, sondern ihnen insbesondere auch eine gründliche wissenschaftliche Ausbildung zuteil werden zu lassen, ihnen das volle Maß derjenigen Kenntnisse zu vermitteln, die von der höheren Schule gefordert werden. Wir lehnen es ab, unsere Schüler nach Art der „Pressen“ in kürzester Zeit mit einem Wust äußerer Kenntnisse vollzustopfen, die sie zur Ablegung irgend einer Prüfung gerade noch notdürftig befähigen, über die tieferen Werte wahrer Bildung aber verächtlich hinwegzugehen. Die Jugend in den Geist der Wissenschaft einzuführen, das Verständnis in ihr zu wecken für die höheren Zwecke des Lebens, das ist der edelste Zweck des Unterrichts. ...

Drum, Eltern, wollt ihr, daß Eure Kinder eine helle Jugend genießen, die ernste Arbeit mit jauchzender Freude gefällig verbindet, so schickt sie zu uns! Hier wird der Traurige fröhlich, der Schwache stark, der Kranke gesund. Und der das Glück hat, geistig und körperlich wohlgeraten zu sein, der gewinnt hier erst recht einen unerschöpflichen Born an Lebensmut und Lebenskraft.

Besser konnte – und wollte – sich dem demokratischen Geist der neuen Zeit nicht entziehen. Der Prospekt von 1919 ist durchdrungen vom Pathos der nationalen Erneuerung und vom Gestaltungswillen eines überzeugten, wenn auch gemäßigten Reformpädagogen. Wie Fichte nach der Niederlage Preußens gegen Napoleon die Nation zur Gesellschafts- und Erziehungsreform aufrief, so forderte Besser nun nach dem Zusammenbruch des Kaiserreichs, dass Deutschland sein Schicksal in die Hand nehme, sich aus Not, Leid und Elend befreie, vor allem aber eine Jugend heranbilde, die treu, fest und stark an einer besseren Zukunft baue. Deutschlands Jugend ist Deutschlands Hoffnung, erklärte Besser. Sie müsse natürlich und das hieß für ihn in der Natur und durch die Natur erzogen werden.

Aus diesem Grunde nahm Besser in Schule und Internat zahlreiche Änderungen vor. Er verband das Lehrer- mit dem Erzieheramt, schuf lichte Schlaf- und gemütliche Wohnzimmer, nahm Mädchen ins Internat auf, wenn sie hier schon Brüder hatten, sorgte für gesunde Ernährung und angemessenen Sexualkundeunterricht und gab seinen Zöglingen reichlich Gelegenheit zu körperlicher Betätigung im Freien. Überhaupt war ihm Sport wichtig. So konnten seine Schüler draußen Tennis, Fuß- und Schlagball spielen, drinnen am Reck, Pferd und Barren turnen, zum Fischen, Schwimmen, Rudern an die Jagst gehen oder „frisch-fromm-fröhlich-frei“ durch Wiese, Wald und Feld streifen.

Neben der Natur war die Freiheit das zweite große Schlagwort, das die Reformpädagogen der frühen Weimarer Republik beschäftigte. Auch Besser schrieb es auf seine Fahne. Unser Grundsatz ist es, erklärte er, jedem die größtmögliche Freiheit zu gewähren. Feste Vorschriften, absolute Verbote und die Ausübung unnötigen Zwangs waren ihm ein Greuel. Er fügte indes hinzu: Freiheit will verdient sein, wenn anders sie nicht, wie das Beispiel unserer Zeit leider zeigt, in Zügellosigkeit ausarten soll. Im Gegensatz zu Stracke vertrat Besser eine freiheitlich-liberale Pädagogik, war allerdings strikt gegen eine „laissez-faire“ oder gar „anti-autoritäre“ Erziehung, wie sie seinerzeit etwa von Siegfried Bernstein in Wien oder von Alexander Neill in Dresden praktiziert wurde. Um allen Schülern als Individuen gerecht zu werden, entwickelte Besser ein System von drei Freiheitsklassen, in dem jeder die seiner Entwicklung und Reife gemäße Einordnung erfuhr.

In dem Maße, in dem uns einer die Beweise liefert, daß er sich selber zu zügeln und zu lenken weiß, in eben dem Maße soll er der allgemeinen Zucht und Aufsicht enthoben und auf die eigenen Füße gestellt werden. Zu dem Zwecke haben wir eine sorgfältig durchdachte Einrichtung getroffen, nach der die Gesamtheit der Zöglinge in mehrere Freiheitsklassen eingeteilt wird. Mit zunehmendem Alter kann sich jeder durch Fleiß und Wohlverhalten aus der niedrigsten derselben stufenweise bis zur höchsten emporarbeiten, die fast unbeschränkte Freiheit gewährt. Naturgemäß können ihr nur diejenigen älteren Schüler angehören, die sich durch ihr Benehmen das unbeschränkte Vertrauen all ihrer Lehrer erworben haben. Für den normalen Schüler ist die gewöhnliche die zweite Freiheitsklasse, die ebenfalls ein ziemliches Maß von Freiheit gewährt, aber doch die nötige Aufsicht nicht vermissen läßt.

Im Vergleich mit anderen Internatsschulen weist das Erziehungsprogramm, wie es Besser im Prospekt von 1919 vorstellte, trotz vieler Änderungen und Neuerungen einige beachtliche Leerstellen auf. Anders als etwa bei den Lietzschen Landerziehungsheimen gab es in Kirchberg keinen Werkunterricht, keine Projektarbeit, keine Arbeitsgemeinschaften und keine Schülermitverantwortung, aber auch keine „asketische Erziehung“ in der Form des Morgenlaufs, der kalten Duschen oder des Trainingsplans. Wie an den Lietzschen Schulen waren an der Schloß-Schule Nikotin und Alkohol grundsätzlich verboten, allerdings durften sie hier von den Mitgliedern der dritten Freiheitsklasse bei besonderen Anlässen und in vertretbaren Mengen genossen werden. Am Beispiel des Rauchens begründete Besser seinen pragmatischen, erfahrungsgesättigten Ansatz ausführlich:

Ein leidiges Kapitel in der modernen Erziehung ist das Rauchen. Wir haben an unserer Anstalt nach manchen Kämpfen, selbst mit einigen Eltern, ein allgemeines Rauchverbot durchgeführt. Jeder Pädagoge weiß freilich aus eigener Erfahrung, daß kein Verbot die heranwachsende männliche Jugend so sehr zum Übertreten reizt wie gerade dieses. Darum pflegen wir älteren Schülern gegenüber, deren Eltern damit einverstanden sind, bei besonderer Gelegenheit eine Ausnahme von der Regel zu machen. Aber stets ist die ausdrückliche Erlaubnis Bedingung und keiner genießt hierin eine Bevorzugung vor dem anderen. So sind wir sicher, daß das dem jugendlichen Organismus zuträgliche Maß nicht überschritten wird. Der Erfolg zeigt, daß auf diesem Wege dem heimlichen Tabakgenuß am sichersten gesteuert wird. Wer sich trotzdem nicht fügen will, bekommt die Folgen bei der Versetzung in die Freiheitsklassen zu spüren. Das zeitigt dann gewöhnlich eine gute Wirkung. Um das Übel freilich gänzlich zu verhüten, dazu bedürfen wir der verständigen Unterstützung durch die Eltern und die übrigen Angehörigen. Wir bitten dringend, dem Schüler selbst weder Zigaretten noch Geld zu schicken.

Besser sah in der individuellen Vereinbarung und der engen Zusammenarbeit mit den Eltern das beste Mittel, um seine Schüler von unerwünschten Aktivitäten und Vergnügungen abzuhalten, ihnen Zucht und Selbstdisziplin beizubringen und sie zum klugen Gebrauch von Freiheit und Selbstbestimmung zu befähigen. Ohne Zweifel war Besser kein Reformer, der an der Spitze des pädagogischen Fortschritts marschierte. Er legte jedoch solide Fundamente, auf die seine Nachfolger konsequent aufbauen konnten.

Schneller Aufstieg – plötzlicher Niedergang

Die Reformschule Schloß Kirchberg – Landerziehungsheim erlebte nach dem Ersten Weltkrieg eine bemerkenswerte Blüte. Ungeachtet der militärischen Niederlage, der politischen Revolution und wirtschaftlichen Misere besuchten im Schuljahr 1919/20 bis zu 91 Schüler – davon 56 interne Jungen und 15 externe Mädchen – die Bessersche Schule. Unter den Internatsschülern tummelten sich der Enkel von Graf Zeppelin, die Nachkommen des Götz von Berlichingen und Diplomaten- und Honoratiorenkinder, die zum Teil von weit her aus dem Ausland kamen: aus Italien, Bulgarien, Russland und Venezuela.

Wie wohl alle Privatschulen wurde auch die Schloß-Schule stets mit Argwohn und Missgunst betrachtet. Ihre Existenz und vor allem ihr Erfolg riefen immer wieder Neider und Kritiker auf den Plan. Im September 1918, also wenige Wochen vor dem Ende des Krieges, als eine bedrückende Hungersnot in Deutschland herrschte, schaltete sich sogar das Königliche Oberamt Gerabronn ein und ermittelte, ob der Zulauf zur Schloß-Schule nicht auf unzulässige Werbung und illegale Machenschaften zurückzuführen sei. In einem Amtshilfegesuch informierte die Gerabronner Behörde die Ministerialabteilung für die höheren Schulen in Stuttgart über das vermutete Delikt – die Hamsterei von Lebensmitteln – sowie über den Grund für die bislang fruchtlosen Nachforschungen – die familiäre Verstrickung des Schulbesitzers mit der Kirchberger Stadtverwaltung. Zum Schluss erkundigte sich der mit der Sache befasste Joseph Hägele, was über die Schloß-Schule, ihren Stand und Status im Württembergischen Kultministerium bekannt sei. Er schrieb:

In Kirchberg a. J. besteht nach der angeschlossenen Anzeige, die auch in einer Reihe anderer Zeitungen von Zeit zu Zeit erscheint, eine sog. Reformschule, die sich zugleich als Erholungsheim bezeichnet. Da sie vorzügliche Verpflegung in Aussicht stellt, soll der Zulauf ein erheblicher sein, denn bei der bestehenden Lebensmittelknappheit sei für die Eltern die gute Versorgung für die Unterbringung ihrer Kinder in der Anstalt in erster Linie maßgebend.

Für die Schule soll eine starke Lebensmittelhamsterei getrieben werden und ausserdem sollen die Schüler Lebensmittel an ihre Angehörigen nach auswärts verschicken. – Ein behördliches Einschreiten gegen die Hamsterei war bis jetzt nicht möglich, weil die unerlaubte Beschaffung und Verschickung von Lebensmitteln nicht nachgewiesen werden konnte. Die Ermittlungen sind dadurch besonders erschwert, dass der Besitzer der Anstalt der Schwiegersohn des Stadtschultheissen in Kirchberg ist.

In den weitesten Kreisen des Bezirks ist die Ansicht verbreitet, dass es sich bei dem Betrieb weniger um eine Unterrichtsanstalt als um eine unter dem Deckmantel einer Reformschule betriebene, dem Gelderwerb dienende Einrichtung handelt. Ich bitte daher um Mitteilung, ob dort Näheres über diese Reformschule bekannt ist.

Die Antwort der Ministerialabteilung im Kultministerium fiel für die Schloß-Schule positiv aus. Der wissenschaftliche Betrieb und die Leistungen der Anstalt, hieß es kurz und bündig, seien überprüft und ließen nichts zu wünschen übrig; auch verstoße ein dem Internat angeschlossenes Kindererholungsheim gegen kein Gesetz und keine Vorschrift.

Besser konnte zufrieden sein, und da seine Schule einen guten Ruf genoss und die Schüleranmeldungen nur so sprudelten, bemühte er sich bei der Fürstlich Hohenloheschen Domänenverwaltung in Öhringen erfolgreich um den Erhalt zusätzlicher Unterkünfte und Schulräume. Im April 1919 konnte er ergänzend zum Eberhardsbau den rechten Seitenflügel des Schlosses, den sog. „Witwenbau“, als neues Wohn- und Wirtschaftsgebäude anmieten und im linken Seitenflügel, dem ehemaligen „Marstall“, eine neue Turn- und Spielhalle einrichten lassen. Die Umgestaltung des alten Pferdestalls zum respektablen Sportlokal offenbarte Bessers Phantasie und Tatkraft. Sieben Jahre vor dem Bau der „Turn- und Liederhalle“ an der Crailsheimer Straße war der Marstall die erste und einzige Turnhalle, die in Kirchberg und Umgebung existierte. Großzügig stellte Besser sie der örtlichen Turngemeinde und der nahebei im alten Lateinschulgebäude untergebrachten Evangelischen Volksschule für ihre Sport- und Trainingsstunden zur Verfügung.

Besser unternahm indes einen weiteren Vorstoß, um den Freizeitwert der Schule zu heben und die Kosten für Lebensmittel zu senken. Im Juni 1919 stellte er bei der Fürstlichen Domänenverwaltung den Antrag, die unterhalb des Witwenbaus gelegenen Terrassen – sei es als Spiel- und Tummelplatz, sei es als Obst- und Gemüsegarten – mieten und nutzen zu dürfen.

Die auf der Talseite des von mir auf 15 Jahre gepachteten östlichen Schlossflügels befindlichen Terrassen sind höchstwahrscheinlich erst seit dem Tode der letzten Fürstin der Benutzung seitens anderer Personen freigegeben, was ganz natürlich ist, da der Flügel seit dieser Zeit unbewohnt war. Nun ist aber der Flügel wieder bezogen und zwar nicht vorübergehend, sondern auf längere Zeit. Dann wäre es wohl angebracht, dass die Terrassen, die offensichtlich für den Flügel bestimmt sind, wieder mit dem Hause vereinigt werden. Es ist doch ein Unding, dass dem Herrn Stadtpfarrer [Gottlob Diez], der vor seinem Hause Platz genug hat, noch 3 übereinanderliegende Terrassen vor einem fremden Hause zur Verfügung stehen, während wir uns mit 50 bis 60 Personen auf einem verhältnismäßig kleinen Platz zusammendrängen sollen.

Die Fürstliche Verwaltung stimmte diesem Antrag allerdings nicht zu. Trotz wiederholten Drängens und Drohens erhielt Besser keinen Zugang zu den gewünschten Schlossterrassen. Überhaupt befand er sich plötzlich in der Bredouille, weil der Ruf der Schule nachließ, die Zahl der Schüler zurückging und das Schul- und Erziehungsgeld die Betriebsausgaben nicht mehr deckte. Der Grund für den jähen Umschwung ist nicht ganz klar. Sicherlich nahm mit der wachsenden Inflation und Wirtschaftskrise der frühen zwanziger Jahre die Zahlungsfähigkeit der Eltern ab, und wahrscheinlich hatte Besser zu viel Geld in den Ausbau der Schule investiert und dabei seine finanziellen Mittel und Möglichkeiten überschätzt. Es scheint aber auch nicht ganz ausgeschlossen, dass sich in Kirchberg aufgrund des vorangegangenen Booms ein pädagogischer Schlendrian ausbreitete, der die eigenen Ziele und Prinzipien aus den Augen verlor, die flachen Begierden der Schüler erfüllte und die hohen Erwartungen der Eltern enttäuschte. Wie auch immer – seit 1922 blieben die Schüler und Neuanmeldungen aus, und Besser sah sich bald nicht mehr in der Lage, seine Schulden zu bezahlen und die Miete für die Schul- und Internatsräume aufzubringen.

In seiner Bedrängnis klagte er die Fürstlich Hohenlohesche Domänenverwaltung an, von ihm ungerechtfertigterweise Reparationen und Umbauten und eine nach dem Reichsmietengesetz von 1922 sittenwidrig hohe Pacht zu verlangen. Die Schlichtung, die nach hartem Streit schließlich zustande kam, brachte indes keine wesentliche Erleichterung. Besser, mittlerweile 39 Jahre alt, kapitulierte, zumal auch sein Plan, das Internat privat weiterzuführen, die Schule jedoch in eine, gleichfalls von ihm geleitete, kommunale Anstalt umzuwandeln, im Kirchberger Gemeinderat – natürlich – auf taube Ohren stieß und trotz bester familiärer Beziehungen zum Bürgermeisteramt schon aufgrund der traditionell prekären Finanzsituation der industrie- und gewerbesteuerarmen Stadt keinerlei Chance auf Verwirklichung hatte.

Froh und glücklich, damit Ärger, Verantwortung und Schulden loszuwerden, aber auch, weil er wegen der dauernden Querelen mit der Fürstlichen Verwaltung immer damit rechnen musste, dass der Mietvertrag nicht verlängert oder abrupt gekündigt wurde, verkaufte Besser seine Schule am 13. Juni 1926 an den 47-jährigen Reformpädagogen und Lietz-Anhänger Adolf Zoellner. Unter großem persönlichem Einsatz gelang es Zoellner am Ende, die Schloß-Schule wieder lebenstüchtig zu machen und zu einem vollwertigen Gymnasium und Landerziehungsheim auszubauen. Dabei wurde er tatkräftig von Amalie Pfündel unterstützt, die er am 1. November 1926 als Hausdame eingestellt hatte.

Ein starkes Team – Adolf Zoellner und Amalie Pfündel

Der Aufbau einer Schule war dem am 30. Mai 1879 in Witten an der Ruhr geborenen Adolf Zoellner nicht neu. Er stammte aus einem evangelischen Pfarrhaus in Westfalen, hatte an der Technischen Hochschule in Berlin zuerst Architektur und Hüttenwesen, dann – nach Auskunft von Amalie Pfündel –Mathematik und Physik studiert und um 1910 schon einmal in Glücksburg an der dänischen Grenze eine Schule besessen, die er nach dem Vorbild der Lietzschen Landerziehungsheime ausgestalten wollte. Der Erste Weltkrieg unterbrach den verheißungsvollen Beginn. Zoellner wurde als Junggeselle sofort zur Infanterie eingezogen. Mit Ausnahme einer kurzen Zeit, die er wegen einer schweren Verwundung im Lazarett Künzelsau verbrachte, stand er vier Jahre an vorderster Front. Als er nach Kriegsende zurückkam, so Amalie Pfündel, war seine Schule nicht mehr vorhanden, ein alter Professor hatte sie nicht halten können in den schwierigen Zeiten.

Verarmt und stellenlos ging Zoellner 1918 an die zehn Jahre zuvor von dem ehemaligen Lietz-Mitarbeiter Gustav Marseille gegründete Erziehungsschule Schloß Bischofstein bei Lengenfeld im südlichen Eichsfeld/Thüringen. Dort arbeitete er als wissenschaftlicher Lehrer und – unter Marseilles Nachfolger Dr. Wilhelm Ripke – als stellvertretender Leiter. Von seinen Kollegen unterschied sich Zoellner nicht nur durch sein höheres Alter, sondern vor allem durch sein distanziertes Wesen und den ungebrochenen Willen, endlich eine eigene Schule leiten zu können. Der Bischofsteiner Altschüler Günther Hangen erinnert sich:

Adolf Zoellner fiel neben den meist jüngeren sport- und wanderbegeisterten Kollegen etwas aus dem Rahmen. Der untersetzte Mann, der als Junggeselle allein in einem Gartenhäuschen im Park wohnte, wirkte weniger kumpelhaft als diese, eine strenge, aber wohlwollende Gestalt, dem keiner zu widersprechen wagte. Die Tatsache, daß er die `StrafarbeitA am freien Samstagnachmittag beaufsichtigte, tat seiner achtungsgebietenden Bewertung durch die Schüler keinen Abbruch.

Eingedenk der unerquicklichen Auseinandersetzung, die sie wegen der Miete und Außenstände mit Besser hatte, verlangte die Fürstlich Hohenlohesche Domänenverwaltung nun von seinem Nachfolger Namen und Adressen, um dessen Vertrauenswürdigkeit und Zahlungsfähigkeit zu überprüfen. Zoellner nannte Schulleiter Dr. Ripke aus Bischofstein, Oberschulrat Dr. Vogel aus Magdeburg, Hauptmann Martin de Cuvry aus Marburg und Seminararzt Dr. Endress aus Schöntal/Jagst als Referenzen. Karl Endress, der Zoellner aus seiner Zeit als praktischer Arzt in Lengenfeld und als Schularzt von Bischofstein kannte, charakterisierte ihn in seinem Referenzschreiben so:

Ich habe Herrn Zoellner als aufrichtigen, gerechten, ehrlichen, zielbewußten Menschen kennen und schätzen gelernt. Als Lehrer und Jugenderzieher war er äußerst tüchtig und bei seiner gerechten Strenge bei seinen Schülern äußerst beliebt. Er ist durchaus frei von der Weichlichkeit und Kurzsichtigkeit, wie sie in der modernen Jugenderziehung besonders in den Landerziehungsheimen sehr häufig geübt wird. Auch zum Leiter einer Schule halte ich Herrn Zoellner für geeignet. ... Bei seiner Zielbewußtheit u. Energie und seiner guten kaufmännischen Veranlagung glaube ich, daß er bei Übernahme der Kirchberger Schule diese rasch in die Höhe und zur Blüte bringen dürfte, zumal auch in Württemberg ein starkes Bedürfnis nach einer Schule für Kinder von Landärzten, Landpfarrern, Gutsbesitzern u.s.w. besteht, die oft kaum eine andere Möglichkeit der Ausbildung ihrer Kinder haben.

Die Fürstliche Verwaltung fand sich schnell zum Vertragsabschluß bereit – ja, sie gestattete Zoellner umstandslos, was sie Besser immer verweigert hatte, nämlich die Benutzung der drei Gartenterrassen unterhalb des Witwenbaus, freilich mit Ausnahme der dem Herrn Stadtpfarrer Diez überlassenen Laube. Ausschlaggebend dürfte gewesen sein, dass Zoellner mit Endress einen noblen Freund und mit de Cuvry einen großzügigen Geldgeber vorweisen konnte, der auch schon Marseille bei der Gründung seiner Erziehungsschule selbstlos unterstützt hatte. Einen Tag bevor Zoellner nach Kirchberg kam und zu Schuljahresbeginn am 1. August 1926 die Leitung der Schloß-Schule übernahm, heiratete er im Kloster Schöntal mit Karl Endress und dessen Frau Eleonore als Trauzeugen die 40-jährige Friederike Mayer, eine fröhliche, temperamentvolle Heilbronnerin und Hausdame, mit der er in Bischofstein schon jahrelang eng zusammengearbeitet hatte.

Wissen wir über Herkunft, Studium und beruflichen Werdegang der ersten Besitzer und Leiter der Schloß-Schule furchtbar wenig, so sind wir – aufgrund einer detaillierten biographischen Notiz – über das Leben von Amalie Pfündel ausgesprochen gut informiert. Amalie Pfündel wurde am 31. Oktober 1897 als Tochter des Finanzamtmannes Julius Andelmann in Geislingen an der Steige geboren. In Stuttgart besuchte sie das Evangelische Töchterinstitut, danach arbeitete sie für ein Jahr als au-pair-Mädchen im Elsaß, um ihre Französischkenntnisse zu verbessern. Zurück in Stuttgart ließ sie sich am Fröbelschen Kindergärtnerinnenseminar zur Kindergärtnerin I. Klasse ausbilden. In den Jahren 1916 bis 1918 betreute sie Kinder und Jugendliche in Familien und Ferienkolonien und durfte – kriegsbedingt – als Unterlehrerin die ersten vier Klassen der Volksschule in Linsenhofen bei Nürtingen unterrichten. Nach dem Ersten Weltkrieg besuchte sie für ein halbes Jahr die Becksche Handelsschule in Ludwigsburg, ehe sie dann – bis zu ihrer Verheiratung 1922 mit dem Kaufmann Ernst Pfündel – in Stuttgart als Bürogehilfin in einer Rechtsanwaltskanzlei und als Beamtin in einer Lebensversicherungsbank arbeitete. Begleitet von ihrem zwei-jährigen Sohn Albrecht, kehrte sie 1926 in Kirchberg zu ihren pädagogischen Anfängen zurück und unterrichtete – mit behördlicher Erlaubnis – gelegentlich sogar in der Unterstufe Französisch.

1930 hatte Amalie Pfündel anscheinend vor, die Schloß-Schule zu verlassen. Zoellner stellte ihr jedenfalls am 22. Juli dieses Jahres ein Dienstzeugnis aus, in dem er sie als Stütze der Schule bezeichnete, ihren Fleiß und Einsatz, ihre Zuverlässigkeit und Gewissenhaftigkeit lobte und betrübt hinzufügte: Frau Pfündel verläßt ihre Stellung zu unserem größten Bedauern, weil sie gern ein anderes Haus kennenlernen möchte. Es kam indes nicht dazu. Amalie Pfündel – inzwischen auch Mutter einer Tochter, Ursula, und geschieden – blieb in Kirchberg und wurde nach dem tragischen Freitod Friederike Zoellners am 16. August 1930 immer mehr zur rechten Hand des Chefs, den sie mit ihrer rührenden Fürsorge und vielfältigen Fähigkeiten aufs Trefflichste ergänzte. Sie war Sekretärin, Buchhalterin, Lehrerin, Leiterin der Hauswirtschaft und – vor allem – geliebte und verehrte Erzieherin. Von Heinz Borchers, dem Altschüler und Schwiegersohn von Amalie Pfündel, auf eine einfache Formel gebracht: war Adolf Zoellner der Herr Direktor, der respektgebietend die Schule leitete und männliche Distanz zu Lehrern wie Schülern hielt, so war Amalie Pfündel die Seele des Landerziehungsheims, die in unnachahmlicher Weise das Mütterliche verkörperte und daher von vielen Schülern vertrauensvoll einfach Ma genannt wurde – eine Auffassung, die Willy Dautermann, gleichfalls Altschüler und Bewunderer dieser beherzten Frau, ohne Vorbehalt und Einschränkung teilte:

Amalie Pfündel schwang ebenso resolut den Kochlöffel wie den Schlüsselbund, der ihr alle Kemenaten öffnete. Man fand sie ebenso engagiert in der Kanzlei wie auf den Rundgängen durch das weitläufige Internat. Den Jüngeren war sie liebevolle Vize-Mama, den Älteren die große Schwester, die für fast alles Verständnis hatte und zu der man mit all seinen großen und kleinen Nöten kommen durfte.

Als Zoellner mit der Verstaatlichung der Schule am 1. April 1944 seine Stellung verlor und ihm nach Kriegsende wegen der sich hinziehenden Entnazifizierung praktisch zum zweiten Mal die Leitung einer Schule verlustig ging, führte Amalie Pfündel das Internat im Geiste Zoellners bis weit in die sechziger Jahre hinein fort. Länger als jeder andere beeinflusste und prägte die energische Frau und Mutter zweier Kinder die Geschichte und Entwicklung der Kirchberger Schule.

Kontinuität und Wandel

Mit dem Kauf der Schloß-Schule ging Zoellner ein großes finanzielles und persönliches Wagnis ein. Er hatte – zumeist mit geliehenem Geld – 30.000 Goldmark bezahlt und dafür die Einrichtung, aber auch 22 interne und 17 Ortsschüler erworben, die die Sexta bis Untersekunda (heute 5. bis 10. Klasse) besuchten und vorerst von vier hauptamtlichen Lehrern (einschließlich von Rudolf Besser, der erst Ostern 1927 die Schule verließ) unterrichtet wurden.

Der erste Prospekt, der unter Zoellners Leitung im Herbst 1930 herauskam, signalisierte mit seinem Titel Landerziehungsheim Schloß Kirchberg an der Jagst – Reformschule Kontinuität und Wandel. Einerseits erinnerte der Prospekt an die unvergessenen Anfänge der Schule bei Stracke – tatsächlich war die Schloß-Schule bei den alteingesessenen Kirchbergern bis in die siebziger Jahre unter dem Namen Reformschule bekannt. Andererseits deutete Zoellner durch die umgekehrte Reihenfolge beider Begriffe an, dass die von Besser begonnene Umgestaltung zum modernen Internat und Landerziehungsheim fortgesetzt und vorangetrieben werden sollte. Auf den Stempeln, Briefbögen und späteren Prospekten, das sei hinzugefügt, nannte sich die Schloß-Schule bald nicht mehr einfach Landerziehungsheim, sondern Württembergisches Landerziehungsheim – dies offenbar der Versuch, sich als einziges und führendes Internat dieser Art im ganzen Lande darzustellen.

Wie seine Vorgänger war auch Zoellner kein großer pädagogischer Denker und Schriftsteller, und mehr noch als diese scheute er sich, seine Vorstellungen über Erziehung und Bildung schriftlich zu fixieren und einer größeren Öffentlichkeit bekanntzumachen. Nachweislich gibt es aus den fast zwanzig Jahren seiner Leitung keine Passage, in der Zoellner seine Erziehungsphilosophie ausführlicher darstellte als in den wenigen Sätzen, die sich im Schulprospekt von 1930 finden. Dort verkündete er:

In den Vordergrund unserer Erziehungsarbeit stellen wir die Charakterbildung: wir wollen unsere Jungen zu verantwortungsbewußten und selbständigen Menschen erziehen und glauben, daß dies nur möglich ist in einer Gemeinschaft, in der ein Vertrauensverhältnis zwischen Lehrern und Schülern besteht. Dies suchen wir zu fördern durch Arbeitsgemeinschaften, in denen Lehrer und Schüler zusammenfinden. Der Pflege des Verantwortlichkeitsgefühls dient eine gewisse Selbstverwaltung: die Aufrechterhaltung der Ordnung in Schule und Haus liegt zum Teil in den Händen der Schüler. ... Wir halten die Mitwirkung der Frau bei der Erziehung für notwendig, und unsere Kleinen stehen unter ihrer besonderen Obhut. Koedukation aber lehnen wir ab.

So knapp die Formulierungen auch sind, sie offenbaren, zumal im Kontext des ganzen Prospekts gelesen, dass sich Zoellner – etwa durch die Betonung der Charakterbildung und des Gemeinschaftslebens – zurecht in die Tradition der Reformpädagogik und Landerziehungsheimbewegung stellte. Sie lassen darüber hinaus erkennen, dass Zoellner zwar leicht hinter Besser zurückfiel, wenn er der Koedukation im Internat – nicht in der Schule – eine schroffe Absage erteilte, er aber weit über Besser hinausging, wenn er auf die Bedeutung der Schülermitverantwortung und der Arbeitsgemeinschaften hinwies, wie er sie an Marseilles Erziehungsschule in Bischofstein kennengelernt hatte.

Zoellner wusste sehr wohl, dass diese kurzen Bemerkungen zur Bildung und Erziehung in Kirchberg zu pauschal und dürftig waren, als dass sie allein potentielle Eltern und Schüler von den Vorzügen seines Landerziehungsheims überzeugen konnten. Der Prospekt von 1930 enthielt daher einen zweiten, weit umfangreicheren Teil, in dem ein früherer Schüler das Leben in Kirchberg anschaulich schilderte. Der Autor dieses Berichts war der bereits erwähnte Willy Dautermann, einer der ersten Abiturienten der Schloß-Schule und später eine treibende Kraft im Bund der Kirchberger Altkameraden. An Dautermanns Beschreibung eines fiktiven Gangs durch das Landschulheim werden die wesentlichen Veränderungen des Schul- und Internatslebens: die Einführung von Morgenlauf, Werkarbeit, handwerklichem Unterricht –deutlich erkennbar, die sich seit Strackes und Bessers Zeiten ergeben hatten.

Die Jungen neben mir sind gerade beim Anziehen. Vor einer halben Stunde hat sie der Schüler vom Wochendienst geweckt. Verschlafen stehen sie nach fünf Minuten in Turnhose und Sandalen auf dem Schloßhof in Reih und Glied. Aber nicht nur jetzt in der schönen Jahreszeit, auch im kalten Winter wachen alle bei dem Dauerlauf durch den langen Schloßpark auf. Und selbst der Verschlafenste gähnt nicht mehr, wenn die anschließenden Freiübungen zu Ende sind. Um 2 8 ist für die Kleinen bis Obertertia einschließlich ein Schuhappell. Der Direktor stellt dabei die sauberen bzw. schmutzigen Stiefel, Ohren und Nägel fest. Fünf Minuten später sitzen alle im großen, freundlichen Speisesaal bei ihren knusprigen Brötchen, die krachend verzehrt werden. ...

Der Morgen ist vollständig, wie das überall ist, durch den Unterricht ausgefüllt. In den unteren Klassen finde ich die üblichen Schulbänke vor. In den oberen Klassen stehen Tische, um die Lehrer und Schüler herumsitzen. Kein äußerliches Zeichen deutet da mehr auf die Sonderstellung des Lehrers. Aber gerade hier, wo auf Gegenseitigkeit beruhende Freundschaft und Achtung die sonst schroffen Gegensätze ausgleichen, finden ich den ernsten Arbeitseifer, der mir bisher fremd war. …

Der Nachmittag wird ganz verschieden ausgefüllt. An zwei Nachmittagen ist Turnen, an einem Sport. Geturnt wird in der großen Halle, dem früheren fürstlichen Marstall, bei schönem Wetter auch im Schloßhof oder auf dem Sportplatz an der Jagst, wo neben der Gymnastik hauptsächlich Wettlauf, Kugelstoßen, Speerwerfen und ähnliches getrieben wird. Der Medizinball tut das seine für den Brustkasten. Freudig geht alles vor sich. Am Sportnachmittag spielt man Faustball, Fußball, Schlagball u.s.w. An zwei Nachmittagen ist praktische Arbeit. Ein Teil der Schüler geht regelmäßig in die Schreinerei und Schlosserei. Andere Schüler werden im Garten beschäftigt. ...

Nach dem Nachmittagskaffee findet die Arbeitsstunde statt: die Kleinen arbeiten unter Aufsicht eines Lehrers, die Großen und solche, die für genügend reif befunden werden, selbständig auf ihren Zimmern. Nach dem Abendessen wird gesungen, musiziert, gespielt, in der Halle geturnt, von Lehrern geleitete Leseabende versuchen, alle literarisch zu interessieren. Mancher sitzt auf den Zimmern, in denen Ruhe herrschen muß, um noch zu arbeiten. Andere befinden sich im Lesezimmer, um deutsche, französische oder englische Zeitungen u.s.w. zu studieren. ... So weht in Kirchberg keine drückende Luft von finsteren Lehranstalten. Nein, wir sind Schüler des freien Landheims, und wir wollen vor allem lernen, die Freiheit richtig zu verwenden.

Der Bericht gibt, da erheblich gekürzt, nur einen unvollkommenen Einblick in den Tagesablauf und die Betätigungen, die an Zoellners Landerziehungsheim außerhalb des Unterrichts angeboten wurden. Abgesehen von den hier geschilderten Unternehmungen erwähnte Dautermann noch weitere Aktivitäten und Beschäftigungen: Schachturniere, Musikabende, Theateraufführungen, Vorträge, für die Oberklassen ein fröhliches Beisammensein mit Lehrern und Damen in der Wohnung des Direktors und – nicht zuletzt – frohe Tanznachmittage mit den Kirchberger Honoratiorentöchtern und den jungen Damen aus dem Pensionat der Villa Schöneck, die direkt gegenüber jenseits der Jagst in Hornberg lag. Für ihn unvergeßlich auch die Sonntagsausflüge mit dem Fahrrad nach Rothenburg, Dinkelsbühl und Schwäbisch Hall und die großen Zeltfahrten, die sie zu Pfingsten zusammen mit ihren Lehrererziehern an der Mosel, am Bodensee und in der Fränkischen Schweiz unternahmen. Für die älteren Schüler kamen im Schuljahr 1927/28 zwei von ihnen freudig begrüßte, heute offiziell völlig verpönte Attraktionen hinzu: das Zigarettenrauchen wurde im Lesezimmer erlaubt und das Kleinkaliberschießen im nördlichen Schlosshof gestattet.

Viele dieser Aktivitäten konnten ohne Geld und Umstände verwirklicht werden, andere erforderten Mittel und Investitionen, die klein sein konnten wie etwa beim Fotolabor, das unter der Haupttreppe im Witwenbau eingerichtet wurde, oder groß sein mussten wie etwa bei den Aus- und Umbauten, die Zoellner gleich zu Beginn seiner Amtszeit in Angriff nahm. Dabei handelte es sich um drei aufwendigere Vorhaben:

(1.) ließ Zoellner 1926 in der ehemaligen Waschküche des Eberhardsbaus ein Brausebad für die Schüler einrichten, weil ihm die Kosten für das bisher benutzte städtische „Badhäusle am Umrang“ in der Hohenloher Straße viel zu hoch erschienen;
(2.) ließ er – gleichfalls im Eberhardsbau – 1927 die ehemals fürstliche Hofküche und Backkammer zu funktionstüchtigen Werkstätten umbauen, damit seine Schüler von den Kirchberger Meistern ihres Fachs, nämlich von Automechaniker Emil Botsch, Drechslermeister Ernst Melber und Schreinermeister Wilhelm Wex – in die Techniken und Finessen des Tischlerns und Schlosserns eingeführt werden konnten; und schließlich ließ er
(3.) die von Besser im Marstall geschaffene Turnhalle 1928 umfassend renovieren, damit dort nicht nur Sport getrieben, sondern auch Feste gefeiert werden konnten. Ganz im Lietzschen Sinne bekam die gesamte Schule zum Herrichten der Halle eine Woche unterrichtsfrei. Das frohe Arbeiten der Schüler schilderte Dautermann anschaulich im Schulprospekt:

Die Kleinen schleppten [von der Jagst] Sand und Steine heran, um den Boden zu ebnen. Dann wurden schwere Balken gelegt, und über sie kam der eigentliche Bodenbelag. Da tönte ein tagelanges Hämmern der Großen, die unter Anleitung des Tischlers [und Hausmeisters Max Stapf] diese Arbeit in vollendeter Weise zur Ausführung brachten. Die von Pferdezähnen angenagten Säulen wurden ausgebessert; Tüncherarbeiten wurden geleistet und Licht gelegt. Zum Schluß, als sich alles über das gelungene Werk freute, wurde die Halle festlich geschmückt und in froher Weise im Beisein verschiedener Eltern eingeweiht.

Das Ringen um die staatliche Anerkennung

Damit kein falscher Eindruck entsteht – die Neuerungen, die Zoellner einführte, betrafen nicht nur das Internat, sondern auch die Schule. Auch hier war sein Ziel hochgesteckt. Der Plan zur Neugestaltung der Schule bestand im wesentlichen aus drei Teilen. Er erstreckte sich zum ersten auf die unteren Klassen. So erweiterte Zoellner die Bessersche Vorschulklasse zu einer Abteilung für Grundschüler, indem er Kinder von sechs bis zehn Jahren ins Internat aufnahm, die entweder die nahebei im alten Lateinschulgebäude untergebrachte Evangelische Volksschule oder die – nach § 4 des Grundschulgesetzes vom Besuch der öffentlichen Grundschule befreit – die weiterführende Schloß-Schule besuchten. Zum zweiten bezog sich der Reorganisationsplan auf die Mittel- und Oberstufe. Dort schaffte Zoellner das seit der Lateinschulzeit bestehende Mischsystem aus Realschule und Progymnasium ab und baute peu à peu das bisher gelegentlich bis zur Obersekunda reichende siebenklassige Landerziehungsheim zu einem Gymnasium aus, das alle neun Klassen der Oberrealschule und des Realgymnasiums umfasste. Zum dritten hatte er den Ehrgeiz, das zu erreichen, was noch keinem seiner Vorgänger gelungen war, nämlich jenseits der bisherigen staatlichen Genehmigung vom Kultministerium endlich auch das Siegel der staatlichen Anerkennung zu erhalten. Die staatliche Anerkennung sah Zoellner als grundlegend, ja als lebensnotwendig für den Bestand der Schloß-Schule an. Daher verfolgte er dieses Projekt im Interesse der Erhaltung der Schule und der Hebung der Konkurrenzfähigkeit gegenüber gleichen Instituten in anderen Ländern mit größter Ausdauer und Beharrlichkeit.

Wir erinnern uns: unter Besser war die Mittlere Reife als Verbandsprüfung zwar von den eigenen Lehrern abgenommen, aber von Staat, Wirtschaft und Gesellschaft nicht richtig anerkannt worden. Nun wollte Zoellner bewirken, dass die Abschlussprüfungen nicht nur im eigenen Hause abgehalten, sondern auch vom Land akzeptiert und den eigenen Prüfungen gleichgestellt wurden. Doch im Gegensatz zu allen anderen Maßnahmen zog sich das Ringen um die staatliche Anerkennung lange, d.h. über mehr als zehn Jahre hin.

Die erste Hürde, die es zu überwinden galt, war ein Behördenwechsel. Seit ihrer Gründung unterstand die Schloß-Schule der Aufsicht des für das niedere Schulwesen zuständigen Evangelischen Oberschulrats. Für die Gymnasien – wie für die Lateinschule zuvor – war jedoch die Ministerialabteilung für die höheren Schulen zuständig. Um den Wechsel von der einen Schulbehörde zur anderen herbeizuführen, musste – abgesehen von der Verpflichtung, jedes Jahr einen Schul- und Entwicklungsbericht vorzulegen – eine weitere Bedingung erfüllt werden. Mit den Worten des Württembergischen Kultministeriums: Die Zusammensetzung des Lehrkörpers ist soweit als möglich den Verhältnissen an den öffentlichen höheren Schulen anzugleichen.

In der Tat war die Lehrerfrage ein schwer zu lösendes Problem. Wie alle Landerziehungsheime hatte auch die Schloß-Schule nur wenige Lehrer mit staatlichen Examen oder akademischen Graden, und wie diese brauchte sie idealerweise Mitarbeiter, die eine Doppelqualifikation besaßen: sie mussten – als Lehrer – gut unterrichten und – als Pädagogen – gut erziehen können. Zoellner kannte das Problem und beschrieb es so:

Auch sehr tüchtige Lehrer sind oft schlechte Erzieher, und manche können sich nur durch fortgesetzte Strafmaßnahmen oder durch falsche Kameradschaft mit den Schülern einen gewissen Respekt verschaffen. An ein Landheim gehören nur Lehrer, welche Freunde und Helfer der Schüler sein können.

Zoellners Erwartung an seine durchschnittlich fünf Lehrer war hoch und die Lehrerfluktuation dementsprechend groß. Von den ca. 30 Lehrererziehern, die – außer Zoellner und Amalie Pfündel – zwischen 1926 und 1933 an der Schloß-Schule arbeiteten, waren nicht mehr als fünf länger als zwei Jahre und gerade einmal zwei länger als fünf Jahre in Kirchberg tätig. Wegen des wachsenden Lehrerüberschusses konnte Zoellner jedoch Ende der zwanziger Jahre genügend Studienassessoren und promovierte Seiteneinsteiger als Mitarbeiter gewinnen, um allmählich die personellen Auflagen der oberen Schulbehörde zu erfüllen. Nach einem Inspektionsbesuch, bei dem Regierungsrat Dr. Otto Schmidt aus Stuttgart zwei Tage lang vor Ort die Lehrpläne, Stundentafeln und Fachräume kontrollierte, vor allem aber den Unterricht besuchte und Schüler wie Lehrer auf ihre Kenntnisse und Fähigkeiten überprüfte, kam endlich am 8. Mai 1929 der lang ersehnte Erlass: Das Landerziehungsheim Kirchberg a.J. ist mit Wirkung vom Schuljahrsbeginn 1929/30 in den Geschäftsbereich der Ministerialabteilung für die höheren Schulen übergegangen. Damit war die Schloß-Schule offiziell in den erlauchten Kreis der Gymnasien aufgestiegen, und seitdem fehlte der Hinweis: Die Schule untersteht der Aufsicht der Ministerialabteilung für die höheren Schulen in Stuttgart – in keiner Anzeige und in keinem Prospekt.

Mit dem Wechsel der Aufsichtsbehörde war allerdings noch nicht das Recht verbunden, an der eigenen Schule die mittlere Reife oder das Abitur abzunehmen. Um dieses Privileg zu erhalten, musste die Schloß-Schule neben der Erhöhung der Lehrerqualität und der adäquaten Ausstattung der Fachräume noch eine weitere entscheidende Voraussetzung erfüllen, nämlich den Nachweis erbringen, dass die Schülerleistungen in Kirchberg eine gewisse Zeit hindurch denen an einer öffentlichen Schule mit ähnlichem Lehrplan in jeder Hinsicht entsprechen. So dauerte der für die Schloß-Schule äußerst unbefriedigende Zustand zunächst fort – trotz einer Entschließung des Kirchberger Gemeinderats, in der es unter anderem hieß:

Als größtes Unternehmen am Platze hat die Stadtgemeinde größtes Interesse an der Erhaltung der Schule. Diese Erhaltung ist aber nach einmütiger Auffassung des Gemeinderats dem Herrn Direktor Zoellner dadurch erschwert, daß der Schule bis jetzt die Ermächtigung zur Abnahme der mittleren Reifeprüfung versagt wurde.

Es blieb also nichts anderes übrig: die Untersekundaner (10. Klässler) fuhren nach Crailsheim und legten an der dortigen Realschule mit Lateinabteilung als außerordentliche Teilnehmer die Prüfung zur mittleren Reife ab, und die Oberprimaner (13. Klässler) reisten nach Stuttgart oder gar in ihre deutschen Heimatländer, um sich dort als Schulfremde prüfen zu lassen, denn Schüler, die aus anderen Bundesstaaten kamen und weniger als zwei Jahre in Württemberg zur Schule gegangen waren, wurden in Schwäbisch Hall oder anderswo im Schwabenlande nicht zur Prüfung zugelassen. So kam es, dass die zwanzig Schloß-Schüler, die zwischen 1928 und 1936 zur Reifeprüfung antraten, ihr Abitur in Stuttgart (5), Mainz (10), Darmstadt (4), Groß-Umstadt (4) oder Berlin (1) ablegten und – von Zoellner persönlich vorbereitet – auch alle mit guten Noten bestanden.

Der schulische Erfolg der Abiturienten, aber auch der übrigen Schüler zeigte nach Einschätzung von Amalie Pfündel, dass die Methode Zoellner mit ihrer individuellen Betreuung und kollegialen Zusammenarbeit völlig richtig war:

Einmal die kleinen Klassen, die es möglich machten, jeden Schüler genau zu kennen. Dann die wöchentlichen Konferenzen. Donnerstagabend 8.00 Uhr versammelte sich das Kollegium, Direktor Zoellner besprach alles Schulische: Methodik, Pädagogik, Psychologie spielten dabei eine große Rolle. Er gab allen Mitarbeitern Ratschläge. Wenn alles Nötige besprochen war, kamen auch die übrigen Mitarbeiter (Hausdamen) dazu, und beim gemütlichen Zusammensein wurden auch mit ihnen noch irgendwelche anstehenden Fragen besprochen. Dir. Z. legte Wert darauf, daß man über jeden Schüler und seine persönlichen Sorgen und Nöte informiert war, um ihn richtig zu behandeln. Nicht vergessen habe ich seine Mahnung in einer Konferenz: Sorgen Sie dafür, daß Ihre Kinder seelisch in Ordnung sind, dann brauchen sie keine Nachhilfestunden!

Die Umwandlung der Schloß-Schule von einem unvollständigen Progymnasium mit Pensionat zu einem voll ausgebauten Gymnasium und Landerziehungsheim war 1933 im großen und ganzen abgeschlossen. Wie an den Lietzschen Heimen lebten die Kirchberger Schüler und Lehrer in einer engen pädagogischen Gemeinschaft, in der geistige Anregung, praktische Arbeit und intensive Naturbegegnung die entscheidende Rolle spielten. Was indes noch fehlte, war – rechtlich gesehen – die staatliche Anerkennung und Abiturprüfung im Hause (sie kam 1937) und – schulisch gesehen – die formalisierte Schülerbeteiligung und Mitbestimmung (sie kam in den fünfziger Jahren).

Doch so zäh und erfolgreich Zoellner die innere und äußere Schulentwicklung auch vorangetrieben hatte, die Weltwirtschaftskrise der zwanziger Jahre machte auch vor den Toren Kirchbergs nicht Halt. Nachdem die Schülerzahlen im Schuljahr 1926/27 rasant von 22 auf 41 Internats- und von 5 auf 14 Ortsschüler angestiegen waren, fielen sie in den folgenden fünf Jahren Schritt für Schritt wieder auf das Ausgangsniveau zurück. Am Tiefpunkt, Ostern 1932, besuchten nur noch 25 interne und 5 externe Schüler die Schule.

Verzweifelt wie er war, senkte Zoellner einerseits das Schul- und Erziehungsgeld für interne Schüler um 25 Prozent von jährlich 1600,- auf 1200,- RM; andererseits suchte er – wie sein Vorgänger – nach Möglichkeiten, die Einnahmesituation durch Zusatzangebote im Internat zu verbessern. In den Sommerferien vermietete er die Schul- und Internatsräume an den „Stuttgarter Verein für Ferienkolonien“, und in enger Verbindung mit der Grundschulabteilung errichtete er im Schloß ein Erholungs- und Kinderheim, für das er seit 1931 mit Anzeigen und einem ansprechenden Sonderprospekt intensiv warb.

[Das Kinderheim] befindet sich in dem romantisch gelegenen Hohenloheschen Schlosse, umgeben von prächtigen Parkanlagen und sonnigen Terrassen. Es liegt ca. 400 m über dem Meeresspiegel und besitzt landschaftlich wie gesundheitlich eine besonders bevorzugte Lage. ... Das Kinderheim bietet gesunden wie erholungsbedürftigen Kindern ein Heim für einen längeren oder kürzeren Aufenthalt auch während der Ferienmonate. Wohn-, Schlaf- und Unterrichtsräume genügen allen Anforderungen. Ein großer Garten, Sport- und Badeplatz sind vorhanden.

Die medizinische Betreuung lag in den Händen des Kirchberger Haus- und Schularztes Dr. Josef Käß, dessen Erfahrung im Umgang mit Kindern und Kinderkrankheiten immer wieder herausgestellt wurde. Der Preis für die Unterbringung im Kinderheim belief sich auf täglich 4 Mk. einschließlich Verpflegung, Bedienung, Licht, Bad und Wäschebehandlung.

Zoellners Versuch, eine neue Klientel und Kundschaft zu erschließen, scheiterte jedoch kläglich. Während in die Grundschulabteilung bis zu fünf Kinder aufgenommen wurden, blieb das Erholungsheim praktisch leer. Wie schon Besser zehn Jahre zuvor musste nun auch Zoellner in den sauren Apfel beißen, einen Brief an die Fürstlich Hohenlohesche Domänenverwaltung in Öhringen schreiben und untertänigst um Geduld, Zahlungsaufschub und Mietherabsetzung nachsuchen, was verzwickt und schwierig war, zumal die Frage einer Verlängerung des Mietvertrages anstand. Die Verhandlungen zogen sich hin, waren indes dieses Mal nicht vergeblich – im Gegenteil: der Zahlungsaufschub wurde gewährt, die Miete herabgesetzt und der Vertrag bis 1938 verlängert. Das Nachgeben war freilich der Tatsache geschuldet, dass die Fürstliche Verwaltung letztlich keine Alternative hatte: sie konnte für die knapp einhundert Räume, die das Landerziehungsheim im weitläufigen Kirchberger Schloß belegte, nicht so einfach und schnell einen zahlungskräftigen Nachmieter finden.

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