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Kirchberg/Jagst: Schloß-Schule Kirchberg 2007. S. 45-77.

2. Zwischen Anpassung und Selbstbehauptung 1933-1945

Hitlers Ernennung zum Reichskanzler am 30. Januar 1933 und die darauf folgende nationalsozialistische Umgestaltung der deutschen Gesellschaft erfaßte auch die Schulen und Universitäten und drohte, mit der Politik der Gleichschaltung und der sozialen Ausgrenzung nicht zuletzt die Unabhängigkeit und Selbständigkeit der Schloß-Schule Kirchberg zu zerstören.

Direktor Adolf Zoellner, inzwischen 54 Jahre alt, hielt nach eigenem Bekunden Distanz zu den neuen Machthabern. Im Entnazifizierungsverfahren, das nach dem Kriege gegen ihn eingeleitet wurde, betonte er, dass er schon immer eine grundsätzlich demokratische Einstellung gehabt und sich nie für die nationalsozialistische Weltanschauung habe erwärmen können. Die Anklage der Spruchkammer Crailsheim, er sei nicht nur als Mitläufer, sondern sogar als Minderbelasteter einzustufen, wies er im Schreiben vom 5. Mai 1947 brüsk zurück. Er habe sich schließlich um den Erhalt seiner Schule kümmern müssen, und für Politik und Parteiarbeit sei da weder Zeit noch Muße geblieben.

Im Jahre 1926 habe ich die Schloß-Schule in Kirchberg übernommen und mich ganz dieser Aufgabe gewidmet. Die Tätigkeit als Leiter dieser Anstalt nahm meine ganze Zeit in Anspruch, sodass ich sehr zurückgezogen lebte und für ausserhalb der Schule liegende Fragen kein wesentliches Interesse hatte. Insbesondere habe ich mich in dieser Zeit parteipolitisch nicht betätigt. Mein Beruf als Erzieher brachte es mit sich, dass ich weltanschaulich der Demokratie besonders nahe stand. Sie erschien mir der geborene Garant für Gerechtigkeit und Freiheit für die Einzelperson zu sein. Gerade der Erzieherberuf bringt die Beschäftigung mit dem Wert der Einzelperson mit sich.

In Freimaurerkreisen fand ich die weltanschauliche Haltung, die auch mich bewegte. Ich stand daher im Jahre 1932 mit einer Stuttgarter Freimaurerloge in Verbindung. Es kam zu einer Mitgliedschaft nicht mehr, weil durch den Antritt der NS-Gewaltherrschaft die Logen verboten wurden. – Nach der sogenannten Machtergreifung im Jahre 1933 hatte ich daher keine Neigung, dieser Partei beizutreten. Das laute Wesen dieser Partei widersprach meiner inneren Einstellung.

Zoellner verstand sich als parteipolitisch uninteressiert, zugleich aber als liberal, aufgeklärt und weltanschaulich unabhängig. Ein aktives Engagement für die NSDAP oder ihre Gliederungen kam für ihn als Humanisten und potentiellen Freimaurer offensichtlich nicht in Frage; und tatsächlich existieren keine Briefe, Artikel oder Zeugenaussagen, die ihn irgendwie politisch belasten könnten. Trotz seiner positiven Einstellung zu Demokratie, Freiheit und Gerechtigkeit und ungeachtet seiner Vorbehalte gegen Hitler, Führertum und Faschismus gab er gleichwohl den Einschüchterungen der Partei, den Drohungen der Schulbehörde und dem Drängen seiner Geldgeber sofort nach und achtete zumeist penibel darauf, alle an ihn gerichteten Erwartungen – seien sie nun ausgesprochen oder unausgesprochen – zu erfüllen und nicht durch unbedachte Äußerungen oder leichtfertige Unterlassungen in die Schußlinie ehrgeiziger Nationalsozialisten zu geraten. Insgesamt lag die Crailsheimer Spruchkammer wohl richtig, als sie Zoellner am 15. Juli 1947 in die Gruppe der Mitläufer einordnete und lediglich zu einem Sühnebeitrag von 50 RM verurteilte.
 
Anpassung an die „neue“ Zeit

Wie Hunderttausende anderer „Märzgefallener“ auch trat Zoellner am 1. Mai 1933 zusammen mit seinen Kollegen Dr. Kurt Albrecht, Otto Dinkelacker und Dr. Otto Trinkner in die NSDAP ein. In dem bereits zitierten Schreiben an den Crailsheimer Entnazifizierungsausschuss erklärte er sein Verhalten so:

Gleich mit der Machtübernahme begann jedoch ein stetiger Druck dahingehend, Mitglied dieser Partei zu werden. Trotz der inneren Ablehnung blieb mir nichts weiter übrig, als einzutreten, wollte ich nicht mein Lebenswerk, die Schule, vernichten.

1) Ein alter Freund von mir, Herr Martin de Cuvry, riet mir im Frühjahr 1933 dringend, der Partei beizutreten. Er war an der Finanzierung der Schule mit 20.000 M beteiligt und drohte mit der Rückziehung des Darlehens. Er sah voraus, dass die Partei in jeder Hinsicht die Macht an sich reissen würde und erklärte mir, dass ohne meinen Parteieintritt meine Schule und sein Geld verloren wäre.

2) Bei einer Schulleitertagung im März 1933 wurde mir erklärt, dass für meine Private Oberschule keine besonders günstigen Aussichten bestünden. Eine Privatschule würde sich dem staatlichen Einfluss entziehen. Meine Schule könne nur dadurch gerettet werden, wenn ich durch Eintritt in die Partei meine Verbundenheit mit dieser zum Ausdruck brächte.

Die Angst Zoellners um den Fortbestand seiner Schule und die handfesten Hinweise der Partei und seines Freundes Hauptmann de Cuvry auf die Konsequenzen einer ablehnenden oder gar oppositionellen Haltung zur NSDAP waren nicht unbegründet. In der Tat wurden schon in den Jahren 1932/33 und 1933/34 drei politisch missliebige Landerziehungsheime von den Nationalsozialisten geschlossen (Freie Schulgemeinde Wickersdorf/Thüringen, Landschulheim Walkemühle/Niedersachsen, Freie Schul- und Werkgemeinschaft Letzlingen/Sachsen-Anhalt), und zwei weitere Heime wurden wegen der bekannt humanistischen und antifaschistischen Einstellung der Gründer und Leiter ihrer Führung beraubt: Kurt Hahn von der Schule Schloß Salem und Paul Geheeb von der Odenwaldschule verloren ihre Ämter und emigrierten nach Schottland bzw. in die Schweiz, wo sie sogleich neue Schulen und Internate gründeten (Gordonstoun, Ecole d’Humanité).

Für Zoellner waren Schließung, Emigration und Neugründung keine Optionen. Wie die meisten seiner Heimleiterkollegen akzeptierte er die neue politische Situation und verfolgte – aus persönlichen, pädagogischen, finanziellen Gründen – eine Strategie, die das Überleben seiner Schule durch Anpassen und Mitmachen zu sichern suchte. Zoellner wurde daher nicht nur Mitglied der NSDAP, sondern auch Mitglied des NS-Lehrerbundes, des NS-Flieger-Korps, der NS-Volkswohlfahrt und des Volksbundes für das Deutschtum im Ausland. Zudem stellte er sich gezwungenermaßen, wie er nach dem Kriege beteuerte, der Partei als Blockwart zur Verfügung – eine Scheinbeschäftigung, die nur wenige Monate dauerte und nach seiner Aussage allein darin bestand, dass er eine Bürokraft damit beauftragte, von Tür zu Tür zu gehen und die Beiträge für die NS-Volkswohlfahrt einzusammeln.

Doch Zoellner hatte den Eindruck, der Parteieintritt von ihm und seinen Mitarbeitern reiche als Ergebenheitsbezeugung nicht aus, um vor den Nachstellungen gemeiner Nazis geschützt zu sein. Im Herbst 1933 suchte er deshalb nach Möglichkeiten, wie er seine Schule formal, aber nicht wirklich dem nationalsozialistischen Erziehungssystem eingliedern konnte. In diesem Zusammenhang war ihm zu Ohren gekommen, dass die seit 1924 bestehende und der Lietzschen Reform- und Internatspädagogik verpflichtete „Vereinigung der Freien Schulen“ sich dem Hitlerschen System angenähert und eine neue parteinahe, nicht parteikonforme Organisation geschaffen habe. Tatsächlich hatten sich die Leiter der fünf führenden deutschen Landerziehungsheime: Dr. Alfred Andreesen von der Hermann-Lietz-Schule Bieberstein, Dr. Ernst Reisinger vom Landschulheim Schondorf, Professor Dr. Gustav Mittelstraß von der Schule Schloß Salem, Dr. Bernhard Hell von der Urspringschule und Dr. Theo Lehmann vom gastgebenden Landschulheim am Solling – in Holzminden getroffen und am 24. September 1933 in Anwesenheit hoher Parteifunktionäre, insbesondere des Reichsleiters und Reichsfachberaters in Erziehungssachen der SA, SS und des Arbeitsdienstes, Hans Gundlach aus Hamburg, innerhalb des Nationalsozialistischen Lehrerbundes (NSLB) die „Reichsfachschaft für Landerziehungsheime“ gegründet. Durch die Bildung einer eigenen Fachschaft wollten diese weniger liberalen als nationalkonservativen Leiter den Anschluss an die nationalsozialistische Bewegung gewinnen, ohne jedoch ihre Heime ganz gleichschalten zu lassen und ihre reformpädagogische Identität und Tradition ganz aufgeben zu müssen.

Zoellners Überlegungen gingen in dieselbe Richtung. Im Oktober 1933 erkundigte er sich bei der Reichsleitung des NSLB nach den Bedingungen, unter denen die Schloß-Schule der neugegründeten Reichsfachschaft beitreten könne. Schon nach drei Tagen erhielt er Antwort aus München. Die Nachricht über die Gründung einer „Reichsfachschaft für Landerziehungsheime“, schrieb der Reichsgeschäftsführer des NSLB, Max Kolbe, kühl zurück, eilt den Tatsachen voraus. - Es wurde ein Reichsreferat eingerichtet. Es bleibt den einzelnen Landerziehungsheimen in Deutschland anheimgestellt, sich diesem Referat zu unterstellen. Ein Zwang kann nicht ausgeübt werden. Anscheinend hatte Reichsleiter Gundlach in Holzminden die Gründung einer Organisation unterstützt und genehmigt, die in dieser herausgehobenen Form von der obersten Reichsleitung gar nicht erwünscht war und nicht erwünscht sein konnte, weil sie dem Herrschaftsanspruch der nationalsozialistischen Führung und der Politik der bedingungslosen Gleichschaltung diametral zuwiderlief. Zoellner focht das nicht an. In den folgenden Monaten bemühte er weiter um die Klärung dieser Frage. Am 11. April 1934 teilte ihm Kolbe abschließend mit:

Die Landerziehungsheime zählen zu den Privatschulen und sind mit ihren Lehrkräften der Fachschaft 7 „Freie Erzieher“ dem NSLB eingeordnet. – Die Gründung einer Reichsfachschaft Landerziehungsheime stimmt nicht und ist auch unmöglich.

Zunächst kam es also zu keiner formellen Einbindung. Doch fünf Jahre später, im Winter 1939, blieb Zoellner gar nichts anderes übrig – wollte er der Schließung oder Verstaatlichung seiner Schule zuvorzukommen – , als einer verschleierten Gleichschaltung zuzustimmen und zwangsweises Mitglied der „Reichsgemeinschaft der deutschen Privatschulen e.V.“ zu werden. Die Reichsgemeinschaft war eine berufsständische Zusammenfassung aller nicht-staatlichen oder nicht-parteigebundenen Schulträger, die – seit 1935 von dem NSLB-Funktionär und Reichsfachschaftssprecher Dr. Eugen Tenhof geleitet – von Zoellner häufig vertrauensvoll kontaktiert wurde, als im Kriege die Begehrlichkeiten der Partei und die Bedrängnisse des Alltags ins Unerträgliche zu steigen schienen.

Ein weiteres Vorhaben, das Zoellner gleich nach der Machtergreifung in Angriff nahm, war die Veröffentlichung eines neuen Schulprospektes. Noch ehe er das Faltblatt in Druck gab, sandte Zoellner der vorgesetzten Behörde in Stuttgart Texte und Bilder zur amtlichen Genehmigung. Der zuständige Referent in der Ministerialabteilung für das höhere Schulwesen, Oberstudienrat Wilhelm Gschwend, nahm die Angelegenheit offensichtlich auf die leichte Schulter und dankte handschriftlich für die freundliche Zusendung: Ich habe mit Interesse von den Photos Kenntnis genommen. Die Sache der Landerziehungsheime liegt uns Nationalsozialisten natürlich sehr am Herzen. Ermutigt ließ Zoellner die Photographien nicht nur im Schulprospekt, sondern auch in der Schulzeitung (Der Schloßgeist) und in Zeitungsanzeigen (Stuttgarter NS-Kurier) ablichten.

Eines dieser Photos, das er offenbar für besonders werbewirksam und politisch nützlich hielt, erregte indes das Mißfallen einer anderen Behörde, nämlich der – schon in der Weimarer Republik bestehenden, jetzt jedoch gleichgeschalteten – Württembergischen Politischen Landespolizei. Das Bild zeigte Schloß-Schüler in HJ-Uniform, die mit Kleinkalibergewehren im Anschlag auf eine Zielscheibe schossen. Das Schießen mit Kleinkalibergewehren existierte als Sport und Wehrertüchtigung schon seit 1927 in Kirchberg, dennoch ging die öffentliche Werbung mit Bild und Text der politischen Polizei entschieden zu weit. Am 15. März 1934 schickte sie Zoellner einen als Geheim! deklarierten Brief, in dem sie ihn wegen unzulässiger Presseveröffentlichungen ernstlich verwarnte und ihm bei Wiederholung empfindliche Strafen androhte.

In Nr. 1 vom Dezember 1933 der Zeitschrift „Der Schloßgeist“ befindet sich ein Bild betitelt „Schießstand“, das Hitlerjugend bei Schieß- und Zielübungen darstellt. Veröffentlichungen derartiger Aufnahmen sind verboten. Bei Zuwiderhandlung ist schwere Bestrafung zu gewärtigen. – In der Annahme, dass die Veröffentlichung des Bildes in Unkenntnis der Bestimmung erfolgte, beschränke ich mich auf eine Verwarnung. Ich ersuche jedoch zukünftig bei allen Veröffentlichungen um sorgfältige Berücksichtigung.

Zoellner reagierte sofort mit einem Brief, in dem er seinen Fehler eingestand und seine lauteren Motive zum Ausdruck brachte. Das Gegenschreiben der politischen Polizei fiel daher erheblich freundlicher aus und machte deutlich, dass es ihr bei der Auseinandersetzung gar nicht um die paramilitärischen Übungen der Schloß-Schüler an sich ging – die waren willkommen und gern gesehen; sie wünschte nur kein öffentliches Aufsehen und wollte den Kritikern und Gegnern der Partei keine unnötige Gelegenheit geben, die Abbildung bösartig zu interpretieren und politisch auszubeuten.

Auf das dortige Schreiben vom 18. März 1934 teile ich Ihnen mit, daß das Bild „Schießstand“ auch mit der Unterschrift „Kleinkaliberschießstand“ gegen die an die Presse gegebenen Richtlinien verstößt. Ich muß Sie daher bitten, von einer Veröffentlichung dieses oder ähnlicher Bilder (Zivil) in Ihren Prospekten Abstand zu nehmen. – Ein Hinweis, daß Ihre Schüler Angehörige der HJ sein können, würde zu Beanstandungen keinerlei Anlaß geben und dürfte den gleichen Zweck erfüllen, die Einstellung Ihrer Schule entsprechend zu kennzeichnen. Den Hinweis, daß die Schule Mitglied des Sportverbands für Kleinkaliberschießen ist, bitte ich ebenfalls zu unterlassen, da damit gerechnet werden muß, daß der Prospekt von gegnerischer Seite eine bösartige Ausdeutung erfährt.

Zoellner nahm die Aufforderung – vielleicht aus Sparsamkeitsgründen – zunächst nicht allzu ernst, denn er ließ den Prospekt nicht umgehend einstampfen, sondern verschickte ihn weiterhin an interessierte Eltern und Einrichtungen. Erst als die zweite, heftigere Verwarnung der politischen Polizei ins Haus flatterte, veranlaßte er, dass der missbilligte Schießstand durch ein unverfängliches Bild, nämlich eines mit tauziehenden Schülern, ersetzt und überklebt wurde. Danach gab es wegen irgendwelcher Photographien keine Beanstandungen mehr, zumal ein weiteres Faltblatt, Die Schule Schloß Kirchberg an der Jagst in Bildern von ihrer Arbeit und ihren Festen, den aufmerksamen Parteifunktionären gefallen haben dürfte: die Vorderseite zeigte den Mittelbau des Kirchberger Schlosses, von dem unübersehbar eine prächtige Hakenkreuzfahne herabhing.

Auch der Text des Schulprospekts rief bei den Behörden keinerlei Missfallen hervor. Er war partei- und systemkonform, indem er ausdrücklich auf die zentrale Bedeutung hinwies, die der Dienst und der Sport in HJ, BDM und Jungvolk, aber auch die weltanschauliche Unterweisung, die Rassenkunde und Vererbungslehre im Unterricht der Schloß-Schule einnahmen. Andererseits vergaß der – unbekannte – Verfasser nicht, den Wert individueller Betreuung, sozialen Lernens und moderner Selbständigkeitserziehung hervorzuheben. So balancierte der Text zwischen Anpassung und Selbstbehauptung und vermischte auf – in mancher Hinsicht – nicht ungeschickte Art die alten Postulate der Reformpädagogik mit klaren Bekenntnissen zum nationalsozialistischen Staat.

Die Schule hat die körperliche, wissenschaftliche und charakterliche Ausbildung ins Gleichgewicht zu bringen, wie es der wachsende Körper verlangt. Wenn wir Morgengymnastik pflegen und Sport treiben auf unserem herrlich an der Jagst zu Füßen des Schlosses gelegenen Spielplatz, wenn wir in der eigenen Halle turnen oder unter den alten Bäumen am Rand des Parkes schießen, turnen oder Sport treiben,, dann bilden wir nicht nur schöne, starke und kerngesunde Körper, dann erweisen wir gleichzeitig dem Geist den größten Dienst – mens sana in corpore sano! Stark, gewandt und kühn wollen wir werden und uns abhärten, frisch dadurch und fähig zu geistigem Schaffen.

Unsere wissenschaftliche Ausbildung kommt nicht zu kurz. Klein sind die Klassen, so dass sich jeder Lehrer um jeden kümmern kann, neuzeitlicher Arbeitsunterricht ist selbstverständlich. Brennende Fragen stehen im Mittelpunkt gemeinsamer Besprechungen, so blut- und bodengebundene Rassenkunde, Eugenik, staatsbürgerliches Denken und Verantwortungsbewusstsein gegenüber dem einzelnen und dem Volksganzen. – Der Blick fürs Zweckmäßige und das Verständnis für handwerkliche Arbeit werden in unserer Schreiner- und Schlosserwerkstatt unter Anleitung von Meistern aus dem Ort geweckt und weiter entwickelt. Hitlerjugend und Deutsches Jungvolk sorgen für die politische Erziehung und bereiten für den Dienst in der SA und SS vor.

Zoellner war und wurde kein aktiver Nationalsozialist oder gar Parteibonze. Hitler und sein Programm eines völkischen, und d.h. auch eines antisemitischen, kollektivistischen und imperialistischen, Erziehungsstaats blieben ihm fremd. Ob sich Zoellner allerdings ganz zurecht als untadeligen Demokraten und vor allem – für die Nationalsozialisten – als unsicheren Kantonisten bezeichnen konnte, sei dahingestellt. In allen Bereichen paßte er sich jedenfalls schnell und umstandslos den neuen Zeiten und Mächten an, so dass die Partei keinerlei Grund zum Klagen und Eingreifen hatte – im Gegenteil: die Geschäftsführung des Gaues Württemberg-Hohenzollern stellte ihm ein einwandfreies Zeugnis aus, als er sich im Frühjahr 1939 um die Aufnahme in die parteinahe Reichsgemeinschaft der deutschen Privatschulen bemühte. Zoellner, so schrieb die NS-Behörde, ist Blockleiter der NSDAP und ist in weltanschaulicher und politischer Hinsicht ohne Bedenken. Die Schule hat einen sehr guten Ruf und muss erhalten bleiben.

Der Schloßgeist als Spiegel der Veränderung

Zoellners Bestreben, sich mit Partei, NS-Verbänden und politischer Polizei gut zu stellen, trug – neben der familiären Atmosphäre und der guten pädagogischen Arbeit – sicherlich das seine dazu bei, dass die Schloß-Schule in den dreißiger Jahre eine erstaunliche Blüte erlebte. Besuchten 1931 nur 34 Jungen (davon 4 extern) das Kirchberger Landerziehungsheim, waren es 1935 schon 72 (davon 21 externe Jungen und Mädchen) und 1938 sogar 119 Kinder (davon 26 externe Jungen und Mädchen), die an der jetzt so genannten Oberschule für Jungen unterrichtet wurden. Noch nie hatte die Schule einen solch starken Besuch aufzuweisen, berichtete die Gerabronner Bezirkszeitung „Der Franke“ bereits im April 1936. Es ist dies ein erfreuliches Zeichen, dass die Schule im Aufstieg begriffen ist. An dem Aufstieg, der in diesem Ausmaß erst wieder in den achtziger Jahren erreicht wurde, hatten nicht zuletzt die ehemaligen Abiturienten der Schloß-Schule großen Anteil. Insbesondere Willy Dautermann, Albrecht Steigleder und Felix Steiner war es zu verdanken, dass die Altkameraden einen Förderverein gründeten und mit dem Schloßgeist der Schule ein Publikationsorgan zur Verfügung stellten, das der Information, Identifikation und Werbung dienen sollte.

Der Schloßgeist, im Untertitel Rundbriefe des Bundes der Kirchberger Altkameraden genannt, erschien erstmals im Dezember 1933. Zoellner zeigte sich in seinem Geleitwort über die Initiative seiner ehemaligen Schüler sehr erfreut, versprach er sich doch von einer regelmäßig erscheinenden Zeitschrift fruchtbaren Gedankenaustausch und die Gelegenheit, der interessierten Öffentlichkeit von den vielfältigen Unternehmungen der Schule – den Wanderungen, Sportfesten, Weihnachtskonzerten und Theateraufführungen – ausführlich berichten zu können. Zudem machte Zoellner einen Vorschlag, der von allen freudig begrüßt und anlässlich des 20-jährigen Jubiläums der Schloß-Schule im Sommer 1934 kurzerhand verwirklicht wurde, nämlich alljährlich ein Pfingsttreffen zu veranstalten, das den Kontakt zwischen Eltern, Altschülern und Kirchberger Bürgern fördern und intensivieren sollte. Die drei Herausgeber der Zeitschrift – Dautermann, Steigleder und Steiner – erinnerten in ihren Beiträgen an die gemeinsamen Schulerlebnisse: an die netten Plauderstunden auf der abendlichen Terrasse - das Gezeter über den Dauerlauf, namentlich im Winter – die sonntägliche Reunion – die Fahrten nach Rothenburg – , und sie hoben hervor, dass das Ziel ihres Bundes und der Zweck ihres Journals vollkommen unpolitisch sei und lediglich der Pflege schöner Reminiszenz und alter Kameradschaft diene.

Der Name des Rundbriefs spielte scherzhaft auf die im 19. Jahrhundert verstorbene Prinzessin Adelheid an, von deren Geist man heute noch erzählt, dass er in stürmischen Nächten ruhelos im Schloß umherwandle und die Bewohner erschrecke. Eine andere Interpretation des Namens lieferte der Chemielehrer und Jungvolkführer Dr. Kurt Albrecht. Mit dem Schloßgeist, schrieb Albrecht, sei der alle Kirchberger Schüler verbindende Geist gemeint, der sich in gemeinsamen Erlebnissen entwickle und Schulklima und Schulalltag bestimme. Er lehre Kameradschaft, Verantwortung und Rücksichtnahme und werde die Schloß-Schüler in ihrem späteren Leben schützend begleiten.

Doch Anspruch und Wirklichkeit der Zeitschrift stimmten oft nicht überein. Der unpolitische und kameradschaftliche Ton schlug immer wieder um in ein Bekenntnis zu Hitler und dem Nationalsozialismus. So beendete Albrecht seinen Artikel über den Schloßgeist mit den Worten:

All das zusammen ist der Schloßgeist, so wie wir ihn erstreben. Er soll unsre Jungen bilden und erziehen zu ganzen Männern, die sich in allen Lagen des Lebens zurechtfinden, zu ganzen Deutschen vor allem, denen das Wohl des Vaterlandes über dem eigenen Wohl steht und die diese Gesinnung zu ihrer Zeit nicht nur mit Worten, sondern auch mit Taten beweisen werden. Solcher Schloßgeist mag mit uns gehen unser ganzes Leben lang und uns helfen, daß wir allezeit rechte Kämpfer seien unseres Kanzlers, dessen braunes Hemd wir alle tragen, denn wir wissen, unser Schloßgeist ist Geist von seinem Geist.

Der Einfluss nationalsozialistischer Ideen und Gedanken ist an dieser und an anderen Stellen nicht zu übersehen. Das kann indes nicht verwundern, waren doch die führenden Lehrer und Altschüler wie Dr. Albrecht, Dr. Dautermann und Dr. Trinkner aktive Mitglieder der NSDAP. Otto Trinkner zum Beispiel, Mathematiklehrer, stellvertretender Schulleiter und engster Vertrauter Zoellners, war Referent für weltanschauliche Schulung, Standortführer der SA und – begeisterter und begeisternder – Scharführer der HJ Kirchberg/Schloß, Unterbann IV, Gefolgschaft 3, Schar 1. Er führte alle Schloß-Schüler der Hitlerjugend zu und organisierte Sonnwendfeiern und Staatsjugendtage, initiierte den Aufbau eines Spielmannszugs und einer Nachrichtengruppe, richtete Fahrten nach Ostpreußen und ins Saarland aus, um bei den Kindern und Jugendlichen die Liebe zu Reich, Volk und Vaterland zu entflammen. Nicht zuletzt sorgte er dafür, dass die von den NS-Verbänden veranstalteten Feiern, Feste und Spiele zu eindrucksvollen Manifestationen der Partei und Volksgemeinschaft wurden.

Ein besonderes Ereignis war Mitte Dezember 1933 die Ausrichtung eines „Deutschen Abends“, der in der überfüllten Turn- und Liederhalle stattfand und zu dem HJ-Einheiten auch aus Kirchbergs weiterer Umgebung anreisten. Es wurden Gedichte vorgetragen, Lieder gesungen, Volkstänze dargeboten, Reden gehalten und das nationalistische Theaterstück „Der 18. Oktober“ von Walter Erich Schäfer über die Völkerschlacht bei Leipzig aufgeführt. An diesem Abend begeisterten die Schloß-Schüler als Sänger und Schauspieler, und Otto Trinkner überzeugte als ein Redner, der – zumindest nach dem enthusiastischen Bericht des Lokalblatts „Der Franke“ vom 14. Dezember 1933 – Rhetorik und Pathos der nationalsozialistischen Propaganda vollkommen beherrschte.

Stürmischer, anhaltender Beifall belohnte die Spieler, die sich in soldatischer Ordnung auf der Bühne zeigten. Das Deutschlandlied brauste durch den Raum, und als der Scharführer der Hitlerjugend seine der feierlichen Stimmung angemessene Schlußansprache in das Schicksalslied der Deutschen, das Horst‑Wessel‑Lied, hatte ausklingen lassen, da lag über dem Meere gestreckter Arme eine Begeisterung und eine Ergriffenheit, die jedweden Alltagskram vergessen machte, da war, was er sagte, unter uns lebendige Wirklichkeit geworden „die deutsche Volksgemeinschaft, die unser aller, aller Schicksalsgemeinschaft ist auf Tod und Leben“.

Die HJ-Veranstaltungen hatten häufig paramilitärischen Charakter. Unter der Überschrift Nächtlicher Spuk beschrieb Trinkner im Schloßgeist eine Gelände- und Wehrsportübung, die – an sich ganz harmlos – beim Drang der Jugendlichen nach Abenteuer und Bewährung ansetzte und auf die Vermittlung bürgerlicher Tugenden wie Ordnung, Fleiß und Pünktlichkeit abzielte. Sie blieb dort allerdings nicht stehen und versuchte ganz unverhohlen, die Schloß-Schüler im Sinne der nationalsozialistischen Ideologie zu beeinflussen und zu unbedingtem Gehorsam und fragloser Unterordnung zu erziehen.

„In fünf Minuten auf dem Schulhof in voller Ausrüstung angetreten!“ Die Jungen flitzen aus den Betten, fahren in Hosen und Stiefel. Einige ältere, die noch auf sind, wechseln die Kleider. Keiner will der letzte sein, denn drunten wartet der Führer und bedenkt die Nachzügler mit den notwendigen Ermahnungen. Rasch werden die braunen Uniformen nachgeprüft ‑ Schlampereien gibt es keine, auch bei noch so großer Eile ‑ dann ein paar kurze Befehle und der Trupp marschiert, ohne daß eine Silbe gesprochen wird, über das Pflaster durch das Tor und die häuserbeflankten Straßen, die von dem taktmäßigen Aufschlag dumpfer Sohlen dumpf erdröhnen. Da und dort wird ein Vorhang zurückgeschoben, öffnet sich ein Fenster ‑ aber die braune Schar schreitet vorwärts, schweigend, den Blick straff geradeaus. Keiner weiß wohin es geht, keiner kennt den Plan der Führung.

Auch die bei den Schloß-Schülern äußerst beliebte und von Zoellner nachdrücklich begrüßte Segelfliegergruppe – Wer den deutschen Luftsport fördert, hilft Deutschland! – wurde zunehmend für nationalsozialistische Zwecke genutzt und zur Vorstufe einer militärischen Laufbahn ausgebaut. Karl Albrecht, leidenschaftlicher Flieger, Fluglehrer und Stützpunktleiter des Deutschen Luftsport-Verbandes, der seinen begeisterten Schülern sonntagvormittags auf dem Einkorn bei Schwäbisch Hall im schuleigenen Segelflugzeug Schloßgeist das Fliegen beibrachte, erläuterte in der Kirchberger Schulzeitung die Funktion und Organisation des sogenannten „Luftfahrtlehrgangs“. Nach Albrecht erwuchs dieser Lehrgang aus der Modellbaugemeinschaft der Zwölf- bis Sechzehnjährigen und wurde von den Fünfzehn- bis Achtzehnjährigen besucht, die in Werkstatt, Lehrsaal und in der Luft die Theorie und Praxis des Fliegens erlernen wollten. Das Bestehen des Lehrgangs und die erfolgreiche Teilnahme an regionalen Wettbewerben war die wichtigste Voraussetzung für den späteren Übertritt in die Reichsluftwaffe, der einigen Schloß-Schülern wie Walter Göring und den Brüdern Rainer und Wolfgang Haagen auch ohne Umstände gelang. Als Lehrgangsleiter wurde Albrecht wiederholt zur Fortbildung an die Luftsportschule in Oerlinghausen (Lippe) abkommandiert und während seiner oft wochenlangen Abwesenheit durch einen vom Reichserziehungsministerium abgeordneten Kollegen in Schule und Internat vertreten.

In seinem Artikel ging es Albrecht jedoch nicht nur um die sachliche Darstellung des Luftfahrtlehrgangs; er begründete Sinn und Nutzen der Fliegerei auch ideologisch und brachte die vormilitärische Flugausbildung in engste Verbindung mit den hehren Ideen der Reformpädagogik und des Wandervogels.

Darüber hinaus hat die Fliegerei, diese lebendigste Gemeinschaft junger Deutscher, die einen letzten Rest besten Wandervogelgeistes für sich gerettet hat, noch eine andere, nicht minder wesentliche Aufgabe. Sie steht heute in der Erziehung zur Kameradschaftlichkeit und zum Gemeingeist, zu Mut und zur Treue an einem begonnenen Werk, zu Einsatzbereitschaft für Führer und Volk an erster Stelle.

Das Problem, wie die Ideale der Reformbewegung mit den Zielen des Nationalsozialismus in Einklang zu bringen seien, wurde im Schloßgeist immer wieder thematisiert. Hatte der Prospekt von 1933/34 noch versucht, die Balance zwischen altem Schulprogramm und neuem Erziehungskonzept einigermaßen zu wahren, gingen die Lehrer Albrecht und Trinkner im Rundbrief der Altkameraden über diese Position weit hinaus. So bekannte sich Otto Trinkner in seinem Rückblick auf das Schuljahr 1934/35 unumwunden zum Primat der nationalsozialistischen Erziehung und erläuterte ausführlich, dass gerade die Landerziehungsheime als Schulen auf dem Lande eine unversiegbare Quelle der Volkserneuerung darstellten. Mit dem ihnen eigenen Lehrer‑Erzieher‑Prinzip seien sie vor allen anderen Schulen und Bildungseinrichtungen berufen, den neuen nationalsozialistischen Menschen heranzubilden und in den ihnen anvertrauten Kindern und Jugendlichen Einstellungen und Haltungen zu entwickeln, die den bedingungslosen Dienst für Führer, Volk und Vaterland förderten und unterstützten.

Noch stehen wir mitten in einer gewaltigen Umwälzung unseres deutschen Schulwesens, bedingt durch den politischen Umbruch, durch den Sieg der nationalsozialistischen Idee, welche die Formung und Bildung des deutschen Menschen, des Hüters unseres ewigen deutschen Vaterlandes zum Ziele hat. Und wie könnte dieses Ziel besser erreicht werden als durch eine früh einsetzende, stetige und gewissenhafte Erziehung unserer bildsamen, für Ideale empfänglichen Jugend im nationalsozialistischen Geiste! Wie groß auch die Fülle der darum notwendig gewordenen Um- und Neugestaltungen ist und wie viele ihrer noch kommen mögen, zwei leitende Gesichtspunkte sind insonderheit deutlich zu sehen: Der Lehrer einerseits kann und darf nicht nur Schulhalter sein, sondern muß sich darüber hinaus als Erzieher betätigen. Der Schüler andererseits soll sich kein totes Vielwissen erwerben, vielmehr ein, wenn auch beschränktes, Können und eine kraftvolle innere Haltung, gegründet auf dem Bewußtsein von Blut und Boden.

Mit berechtigter Freude und mit Stolz können wir im Hinblick auf die genannten Forderungen zurückblicken auf die Geschichte unserer Schule, wie insbesondere auf das verflossene Schuljahr. Worum heute noch vielfach gerungen wird, ist bei uns schon erfüllt: Es ist unmöglich für unsere Lehrer, nur Schulhalter zu sein; wer nicht Erzieher ist, und zwar Erzieher im nationalsozialistischen Geiste, paßt nicht in unser Landschulheim; er ist seiner Aufgabe überhaupt nicht gewachsen.

Auch ein Beitrag des Altkameraden Willy Dautermann, eines promovierten Historikers, gewandten Journalisten und späteren Chefredakteurs der Ludwigshafener Tageszeitung „Die Rheinpfalz“, beschäftigte sich mit der Frage der Existenzberechtigung der Landerziehungsheime im Neuen Reich. Dautermann lehnte die Dekadenz der modernen Kunst und die pädagogischen Experimente des Novemberregimes vehement ab und machte sich stark für den nationalsozialistischen totalen Staat, der alles erfaßt, dem alles zu dienen hat. Die Landerziehungsheime hätten dort ihren festen Platz, zumal sie die bildungspolitischen Postulate des Dritten Reiches wie die Erziehung zur Volksgemeinschaft, zur körperlichen Ertüchtigung, zur praktischen Arbeit und weltanschaulichen Schulung vorbildlich erfüllten – ja, ihr geistiger Vater Hermann Lietz habe entscheidend dazu beigetragen, dass sich deutsche Wesensart und nationalsozialistische Wissenschaft weiterentwickeln und schließlich durchsetzen konnten.

Alle Probleme, die aktuell sind, werden behandelt und erwogen. Rassenkunde, Eugenik, deutsche Kunst, blut‑ und bodenmäßig gebunden, staatspolitisches Denken mit starkem Verantwortungsbewußtsein der Gemeinschaft gegenüber stehen im Mittelpunkt der Erziehung. Der Führergedanke findet durch das Vertrauensverhältnis zwischen Schüler und dem autoritativen Lehrer einen besonders starken Ausdruck. Durch die restlose Einspannung aller Kräfte für die gemeinsame Sache, für das Heim, werden kleine Ichsüchteleien unterbunden, die Saat zum Gemeinschaftsgedanken, zur Erfassung der größeren Gemeinschaft von Volk und Staat und damit zur politischen Willensbildung zum neuen Staat gelegt.

Die Arbeit, die einst Hermann Lietz mit der Gründung seines ersten Landerziehungsheimes begann, hat reiche Früchte getragen. Seine Art der Heimerziehung gewährleistet dem Staat nach dem Stand der Dinge das Heranwachsen junger Menschen, die als vollwertige Glieder des nationalsozialistischen Staates das neue Deutschland mitbauen helfen.

Die Schloß-Schule war sicherlich kein Hort der Opposition und des Widerstands. Hier wurde die Partei nicht öffentlich kritisiert und freiheitliches Denken nicht weiter eingeübt, hier wurde – sei es gläubig, pragmatisch, opportunistisch, sei es halbherzig, gleichgültig oder notgedrungen – im großen und ganzen einfach mitgemacht. Von versteckt subversiven Bemerkungen oder gar offen regimefeindlichen Bekundungen liegen keine Berichte vor. Ein politisch gespaltenes Kollegium – wie von anderen Heimen immer wieder berichtet – gab es an der Schloß-Schule offensichtlich nicht. Wie Zoellner akzeptierten anscheinend alle seine Lehrer die neuen Normen und Verhaltensregeln und hielten sich mehr oder weniger gewissenhaft an die weltanschaulich imprägnierten Lehrpläne und Anweisungen. Die männlichen Kollegen waren zumeist Parteimitglied und – seit dem berüchtigten Erlass des Württembergischen Kultminister und Ministerpräsidenten Christian Mergenthaler vom April 1937, wonach alle ständigen und unständigen Lehrer sich in den Kampfverbänden der Partei (SA, SS, NSKK) aktiv zu betätigen hätten – auch Mitglied in der SA; aber parteipolitisch und propagandistisch traten sie nicht weiter in Erscheinung.

Einzelne Lehrer wie Trinkner und Albrecht – und Altschüler wie Dautermann – waren hingegen überzeugte Parteigenossen und Funktionsträger, die Hitler und der NSDAP zutrauten, wenn es sein musste mit Gewalt, die Schmach von Versailles zu tilgen und Deutschland aus der tiefen Gesellschafts- und Wirtschaftskrise, in der es steckte, herauszuführen. Sie verherrlichten den Nationalstaat und gaben die Idee einer freiheitlich-demokratischen Grundordnung zugunsten des Führerprinzips und des soldatischen Menschenbildes auf. Doch wäre es falsch und ungerecht, sie deswegen automatisch als Imperialisten, Rassisten oder Antisemiten zu bezeichnen. In den vorliegenden Dokumenten gibt es – von wen auch immer – keinerlei Äußerungen über Krieg, Expansion und „Lebensraum im Osten“ oder über Juden, Ausländer und andere – wie Hitler sagen würde – „Volksschädlinge“, die verfolgt, ausgesondert oder ausgemerzt werden müßten. Trotz gegenläufiger nationalsozialistischer Agitation nahm die Schloß-Schule noch Ostern 1933 einen jüdischen Schüler ins Internat auf, ein anderer Schüler israelitischen Glaubens konnte noch im Schuljahr 1933/34 die Kirchberger Oberprima besuchen, und sog. Mischlinge 1. Grades waren bis 1938 Angehörige der Schule und wurden hier auch später bei Pfingsttreffen stets herzlich aufgenommen und bei der Suche nach Arbeit und Unterschlupf wirksam unterstützt. Selbst Dr. Albrecht war nicht immer der stramme Parteisoldat, als der er nach obigen Zitaten erscheinen mag. Im April 1940 verlor er seinen Posten als Geschäftsführer des Volksbildungswerks Württemberg, weil er sich weigerte, an den Volkshochschulen des Landes ausgemachte Parteiredner als Kursleiter und Referenten einzusetzen und sie statt solider politischer und geschichtlicher Bildung unverblümt nationalsozialistische Propaganda treiben zu lassen.


Verhandlungen mit der Stadt Kirchberg

So furchtbar und gewalttätig die nationalsozialistische Diktatur auch war, auf die wirtschaftliche Entwicklung wirkte sie sich zunächst einmal positiv aus. Ende der dreißiger Jahre florierte die Schloß-Schule. Die 100 regulären Internatsplätze waren belegt, so dass Extrabetten aufgestellt und Wartelisten eingeführt werden mussten – eine Situation, wie sie, bezogen auf die Zahl der Internatsschüler, erst Anfang der achtziger Jahren wieder existierte. Finanziell ging es uns prima, urteilte Amalie Pfündel später. Reklame war nicht nötig, die Eltern und die Schulbehörde empfahlen uns.

Auch die Beziehungen der Schloß-Schule zur Stadt Kirchberg waren ungetrübt. Das unbeschwerte Verhältnis änderte sich jedoch schlagartig, als Zoellner in der Folge der Steueranpassungsgesetze vom Oktober 1934 von der Verfügung der Stadt überrascht wurde, die Schloß-Schule habe wie jeder andere Betrieb auch die üblichen Gewerbesteuern zu entrichten. Zoellner war über den Bescheid empört – wohl mehr aus Prinzip als wegen der fälligen paar Hundert Mark. Mit ungewöhnlich scharfen Worten beklagte er sich am 21. September 1938 bei Bürgermeister Max Wendler, dass die Schloß-Schule von der Stadtverwaltung plötzlich als ein Geschäft, also als ein rein privatwirtschaftliches Unternehmen, und nicht mehr als die gemeinnützige Einrichtung betrachtet werde, die seit jeher klaglos hohe finanzielle Belastungen geschultert habe, um alle Kinder aus Kirchberg aufzunehmen und sie – trotz kleinerer Klassen – zum gleichen Schulgeld wie oder – bei Geschwistern – sogar zu einem niedrigeren Elternbeitrag als die staatlichen Gymnasien zu unterrichten. Er räsonierte:

Es hat sich in den Vorschriften betr. der Veranlagung zur Gewerbesteuer nichts Wesentliches geändert. Geändert hat sich nur die Einstellung der Stadt Kirchberg. Bisher ist niemals versucht worden, die Schule zu dieser Steuer heranzuziehen. Nun, wo die Schule eine staatlich anerkannte Oberschule ist, die von ca. 30 Schülern der Gemeinde Kirchberg besucht wird, will die Stadt die Besteuerung durchsetzen.

Die Schule ist von der Stadt niemals unterstützt worden, obwohl sie doch wohl von einiger Bedeutung für die Gemeinde ist. Und das ist wohl seltsam, wenn die Kinder Kirchbergs diese Schule besuchen und ein Schulgeld bezahlen wie die Schüler staatlicher Anstalten, eine Geschwisterermässigung geniessen, die bedeutend höher ist als die der staatlichen Schulen, und wenn in vielen Fällen noch weniger bezahlt wird. Es ist über diese Tatsache nie ein Wort verloren worden. Da aber die Stadt die Schule heute als ein ‚Geschäft‘ anzusehen scheint, ist es nötig festzustellen, dass alle Ortsschüler zusammen (27) noch nicht so viel zahlen, dass das Gehalt nur eines Lehrers dabei herauskommt. Nicht gerechnet sind dabei die Unkosten, die der Schule durch die grössere Schülerzahl entstehen – z.B. Beschaffung der nötigen Bänke etc.! Die Mehrzahl der Ortsschüler befindet sich in den mittleren Klassen, die daher voll besetzt sind und in die neue Schüler nicht aufgenommen werden können, obwohl gerade für diese Klassen sich viele Schüler melden, die nun zurückgewiesen werden müssen. Die selbstverständliche Rücksichtnahme auf den Ort hat uns die Notwendigkeit, auf eine Erhöhung der Einnahme bedacht zu sein, zurückstellen lassen, obwohl die Unkosten der Schule in den letzten Jahren ganz beträchtlich gestiegen sind infolge der Bemühungen, die Reifeprüfung an die Schule zu bekommen.

Diese Anschuldigungen konnte Bürgermeister Wendler nicht auf sich sitzen lassen. In seinem kurzen, aber bestimmten Antwortschreiben verwahrte er sich gegen die Behauptung Zoellners, die Einstellung der Stadt zur Schloß-Schule habe sich gewandelt und die Besteuerung der Schule als gewerbliches Unternehmen sei eine rücksichtslose Entscheidung der Stadtverwaltung gewesen. Wendler stellte unmissverständlich klar:

Mir kam die Mitteilung des Steuermessbetrags durch das Finanzamt genau so aus wolkenlosem Himmel wie Ihnen der von mir zwangsläufig zugestellte Steuerzettel. Ich verkenne und habe nie die Gemeinnützigkeit der Schlossschule verkannt. Aber dort, wo mir vorgesetzte Behörden eine Steuerpflicht bejahen, kann ich sie nicht verneinen. Ich muss erwarten, dass dies von Ihnen eingesehen wird.

Wie von Bürgermeister Wendler gefordert, entschuldigte sich Zoellner förmlich für seine unberechtigten Vorwürfe; gleichzeitig bat er die Stadt darum, die Gemeinnützigkeit der Schule nicht nur theoretisch, sondern auch praktisch anzuerkennen und freiwillig auf den Einzug der Gewerbesteuer zu verzichten – eine Bitte, die Wendler und der Gemeinderat ihm – und nach dem Kriege Amalie Pfündel – generös und auf Dauer erfüllten.

Weil ihm die kontinuierliche Zunahme der externen Schüler jedoch weiterhin Sorgen bereitete, wandte sich Zoellner im März 1939 erneut an das Bürgermeisteramt. Die bald zu erwartenden 50 Ortsschüler, so argumentierte er, müssten räumlich und personell versorgt werden, was hohe Unkosten verursache, die sich jedoch nur zu einem sehr geringen Teil durch eine – überdies äußerst unpopuläre – Erhöhung des Schulgeldes auffangen ließen. Konkret erbat Zoellner von der Stadt Kirchberg Hilfe bei der Besorgung von zusätzlichen Klassenzimmern, da im bestehenden Schulgebäude, dem Eberhardsbau, alle verfügbaren Räume belegt seien. Gemeinderat und Stadtverwaltung sagten ihre Unterstützung zu. Bürgermeister Wendler warnte allerdings vor dem falschen Ehrgeiz mancher Kirchberger Eltern, der zu dem auffälligen Anstieg der Gymnasialzahlen geführt habe: Selbstverständlich dürfe es nicht so sein, dass der Besuch der Volksschule von einer Reihe von Schülern aufgegeben werde, weil eben der Besuch der Schlossschule zum guten Ton gehöre. Für die Aufnahme in die Schloß-Schule dürfe einzig und allein die Veranlagung des Kindes den Ausschlag geben. Dennoch verschob sich das Verhältnis der Schüler weiter zuungunsten der Evangelischen Volksschule, so dass im Schuljahr 1940/41 ein im ehemaligen Lateinschulgebäude frei werdender Unterrichtsraum der Schloß-Schule zur Verfügung gestellt werden musste.

Zoellner drückte indes noch eine andere Sorge, die er auf eine Art lösen wollte, wie sie auch schon seine Vorgänger ins Auge gefasst hatten. Seit dem Frühjahr 1938 trug sich Zoellner aus persönlichen und betrieblichen Gründen mit dem Gedanken, die Verantwortung für die Schloß-Schule abzugeben und sie so schnell wie möglich in eine Gemeindeschule umzuwandeln. Dementsprechend nahm er mit Bürgermeister Wendler und der Stuttgarter Ministerialabteilung Fühlung auf. Aber erst ein knappes Jahr später, am 18. Februar 1939, als wieder einmal Gerüchte über die bevorstehende Schließung der Privatschulen und Landerziehungsheime durch den NS-Staat kursierten, stellte er einen offiziellen Antrag bei der Stadt. Er sei, erklärte er dem Gemeinderat, inzwischen 60 Jahre und damit in einem Alter, das ihn verpflichte, sich um den Fortbestand der Schloß-Schule zu kümmern. Bisher habe er – Witwer und kinderlos – noch keinen passenden und zahlungskräftigen Nachfolger für seine Schule finden können, daher sei jetzt das Engagement der Stadt Kirchberg gefordert. Wenn die Stadt jedoch, was Bürgermeister Wendler sofort bestätigte, kein Geld zum Kauf habe, dann sei er, Zoellner, sogar bereit, ihr die Schule zu schenken.

Selbst dieses großzügige Angebot stieß bei Wendler und dem Gemeinderat auf äußerste Zurückhaltung. Der Auszug aus dem Ratsprotokoll vom 21. März 1939 nennt die wesentlichen Gründe:

Die Übernahme der Schule durch die Gemeinde hätte nicht nur einen höheren Personalaufwand zur Folge, sondern die Schule würde öffentliche Schule und das Lehrpersonal, das seither privatrechtlich angestellt war, würde wohl öffentlich rechtlich angestellt werden müssen und als solches verpflichtet sein, der Pensionskasse für Körperschaftsbeamte beizutreten. Allein diese Maßnahme würde für die Schule schätzungsweise eine Ausgabe von 20 000 RM pro Jahr betragen, woraus sich klar erhellt, dass damit der bisherige Gewinn der Schule schon in Frage gestellt wäre. Hinzu kommt noch, dass der bisher unentgeltlich arbeitende Inhaber der Schule auch entlohnt werden müsste, was eine weitere Steigerung der seitherigen Unkosten bedeuten würde.

Wie schon 1916 bei Louise Stracke und 1926 bei Rudolf Besser fasste der Gemeinderat auch jetzt keinen positiven Beschluss. Die Stadt, so das Fazit der Diskussion, würde mit der Übernahme der Schloß-Schule ein allzu großes finanzielles Risiko eingehen, und darauf dürfe sie sich unter keinen Umständen einlassen. Freilich werde sie, wie von Zoellner angeregt, die gegenwärtigen Bestrebungen des Reiches zum Ausbau der Landschulen aufmerksam verfolgen, um gegebenenfalls zugunsten von Schule und Gemeinde die nötigen Schritte zu unternehmen. 

Im Schatten des Krieges

Zoellner bemühte sich auch künftig, die Schloß-Schule in die Obhut der Stadt Kirchberg zu übergeben oder sie – wie die Leiter anderer Landerziehungsheime auch – in eine gemeinnützige Stiftung einzubringen, gleichwohl gelangte er in beiden Fällen zu keinem greifbaren Ergebnis. Außerdem drängte bald ein anderes Problem in den Vordergrund. Mit der Entfesselung des Zweiten Weltkriegs durch Hitler musste Zoellner seine ganze Kraft und Energie aufbringen, um die besonderen Schwierigkeiten eines Schulalltags im Kriege zu bewältigen und den ganz normalen Unterrichtsbetrieb am Laufen zu halten, was nicht einfach war, denn alle seine langjährigen Mitarbeiter, allen voran Otto Trinkner, aber auch Alfred Bosler, Erwin Enderle, Ottmar Faiß und Max Schweizer, wurden in schneller Folge verbeamtet, zum Kriegsdienst eingezogen oder in den annektierten neuen Reichsgebieten Österreich, Elsass, Lothringen zur Aufbauarbeit eingesetzt. In dieser Situation war von der Kultusbürokratie in Stuttgart keine Hilfe zu erhoffen.

Der Ministerialabteilung, lautete die Antwort ihres Präsidenten Theodor Bracher auf eine entsprechende Anfrage Zoellners, stehen für die einberufenen Lehrer leider keine Stellvertreter zur Verfügung. Es ist ein Notplan aufzustellen, die gesamte Unterrichtszeit der Schule entsprechend zu kürzen und wenn möglich den Stundenausfall auf alle Klassen und Fächer umzulegen. Im übrigen müsse man unter den gegebenen Umständen von dem Gemeinschaftsgeist der Erzieher erwarten können, dass sie ohne Belohnung für einen abwesenden Kameraden einspringen.

Erleichternd wirkte, dass die Reichsgemeinschaft deutscher Privatschulen, der die Schloß-Schule seit Kriegsbeginn angehörte, eine Stellenvermittlung eingerichtet hatte und Zoellner beständig mit Namen und Adressen von arbeitsuchenden Lehrern und Erziehern versorgte, zumal dieser – um seine Chancen auf dem Stellenmarkt zu verbessern – großmütig verkündet hatte, er nehme auch verheiratete mit Kindern. Je länger der Krieg indes dauerte, desto schwieriger wurde es, geeigneten Ersatz für die abkommandierten Pädagogen zu finden.

Zwar folgte Zoellner der pragmatischen Devise: Auch ein mässiger Lehrer ist besser als gar keiner, dennoch sah er sich immer öfter gezwungen, sich von gerade erst eingestellten Mitarbeitern schnell und umstandslos zu trennen. Während des Schuljahrs 1941/42 zum Beispiel musste er vier Lehrer: einen Musiklehrer nach 14 Tagen, einen Hauslehrer nach zwei Monaten, eine Studienreferendarin nach vier Monaten und einen Mittelschullehrer nach einem halben Jahr – wegen erwiesener Unfähigkeit frühzeitig wieder entlassen. Wie groß seine Not war, zeigt das Schreiben Zoellners vom 8. Oktober 1941, als die Reichsstatthalter von Elsass und von Lothringen erneut versuchten, zwei Lehrer – obwohl vom Württembergischen Kultministerium als unabkömmlich eingestuft – von der Schloß-Schule mitten im Schuljahr abzuziehen. Zoellner klagte der Reichsgemeinschaft sein Leid:

Wir haben ausser mir heute 5 männliche Lehrer und drei weibliche. Alle Bemühungen durch Inserate etc. haben bisher keinen Erfolg gehabt. Mit weniger als 5 männlichen Kräften ist besonders die Aufrechterhaltung einer ordnungsmässigen Aufsicht nicht möglich. Ich selbst übernehme bereits einen grossen Teil der Aufsicht, bin aber 62 Jahre alt und kann mich nicht gut noch mehr einsetzen, als ich es gegenwärtig tue. Ich bitte mir nun mitzuteilen, ob man uns in diesem Augenblick Lehrer für andere Schulen entziehen kann. Sollte dies möglich sein, so wird unser Betrieb, den wir bisher mit vielem Erfolg durchgehalten haben, sehr gefährdet werden und kaum weiter erhalten werden können. Wir sind ohnehin jetzt durch das Fehlen einer Eisenbahnverbindung, durch die starke Beschneidung des Postautoverkehrs (an Sonntagen fährt kein Wagen mehr, Benzin erhalten wir vorläufig noch 20 l) sehr benachteiligt.

Wie in der Weimarer Zeit war also die Lehrerfluktuation groß und der Unterricht stark behindert. Die Schloß-Schule litt jetzt aber keineswegs unverhältnismäßig, denn massive Stundenkürzungen und Unterrichtsausfälle – etwa wegen des Sammelns von Hagebutten, Bucheckern und Kartoffeln – gab es während des Krieges überall, so dass der Unterricht an den Oberschulen im allgemeinen und in Kirchberg kaum mehr als 25 Stunden pro Woche umfasste und nur selten über das Niveau der Mittelstufe hinausgelangte. Unter diesen Umständen war Zoellner im Grunde froh, mit Wilhelmine Berg, Walter Zetsche, Dr. Willy Marcard und Dr. Hans Padberg Stützen gefunden zu haben, die – bei manchen Vorbehalten ob ihrer pädagogischen Eignung und ihrer nationalsozialistischen Einstellung – in Schule und Internat für Kontinuität und Ordnung sorgten.

Angesichts der schwierigen Lehrerversorgung, vor allem aber wegen der drastisch sinkenden Schülerzahlen in der Oberstufe erwog Zoellner zeitweise, die Schüleraufnahme auf die Klassen 1 bis 5 zu beschränken. Durch die Umstellung – wie wir heute sagen würden – von „G9“ auf „G8“ im Rahmen der großen Oberschulreform von 1937 hatte Zoellner bereits eine Kürzung der gymnasialen Schulzeit um ein Jahr hinnehmen müssen. Jetzt bereitete ihm der kriegsbedingte Abgang der Abiturienten (8. Klässler) erhebliche Kopfschmerzen. Da der plötzliche Verlust einer weiteren Jahrgangsstufe finanziell nicht leicht zu verkraften war, wandte er sich im Mai 1941 an die Reichsgemeinschaft um eine Rechtsauskunft. Zoellner wollte erfahren, ob – abgesehen von der regulären Einberufung – auch die freiwillige Meldung zum Kriegsdienst die Eltern berechtige, fristlos und ohne Folgekosten zu kündigen. Er schrieb:

Es sind seit Kriegsbeginn unsere Schüler der 8ten Klasse ausnahmslos bei der Wehrmacht eingetreten als Offiziersanwärter oder als Freiwillige. Im letzten Jahre begann die Einziehung im September, diesmal mit Unterrichtsbeginn nach Ostern. Der erste verließ uns am 1. Unterrichtstage, weil er zur Marine musste. Er wird den Reifevermerk erhalten. Der Vater erklärte schon vorher, er brauche nun nichts mehr zu zahlen. – Die übrigen werden bis zum 1. Oktober wahrscheinlich verschwunden sein. – Ich möchte nun gern wissen, wie die Rechtslage ist. Können die Eltern die Zahlungen glatt einstellen und sich darauf berufen, dass höhere Gewalt vorliege? Alle Schüler haben sich freiwillig gemeldet.

Die Auskunft, die Zoellner erhielt, war für ihn nicht besonders erfreulich, zumal sie auch für die Zukunft, nichts Gutes verhieß. Zoellner müsse, so Dr. Tenhof in seinem ausführlichen Gutachten, damit rechnen, dass vor Gericht das Bürgerliche Gesetzbuch zur Anwendung komme und dort der Eintritt in die Wehrmacht – gleichgültig ob angeordnet oder freiwillig – nach § 626 als wichtiger Grund akzeptiert werde. Er würde Zoellner daher raten, den Eltern nachzugeben und es nicht auf einen Rechtsstreit ankommen zu lassen. Wie sich indes bald herausstellte, waren Zoellners Befürchtungen finanzieller Art vollkommen unbegründet. Seit Herbst 1943 existierten an der Schloß-Schule tatsächlich nur noch die ersten fünf Klassenstufen, aber die Nachfrage nach Internatsplätzen für diese Altersgruppe stieg gewaltig an, weil immer mehr Kriegswaisen und Kinder von Evakuierten und Ausgebombten untergebracht und beschult sein wollten.

Um einen Bereich brauchte sich Zoellner allerdings kaum zu kümmern. Auch im weiteren Kriegsverlauf war an der Schloß-Schule vom allgemeinen Mangel an Lebensmitteln relativ wenig zu spüren. Wenn das Obst und Gemüse, die man auf den Schlossterrassen geerntet hatte, nicht ausreichten, dann fuhr Amalie Pfündel in die umliegenden Dörfer und organisierte für ihre immer hungrigen Schützlinge das Nötige. Selbst Fleisch und Wurst konnte sie reichlich auf den Tisch stellen, nicht zuletzt, weil die Schule den ehemaligen Pferdestall im Langen Bau angemietet und – gegen starke Bedenken der Anwohner – zu einem ertragreichen Schweinestall umgebaut hatte.

Schwieriger als Nahrungsmittel waren Putzmittel, Haushaltsgeräte und Treibstoffe zu beschaffen. Der Briefwechsel, den Zoellner und Amalie Pfündel mit der Reichsgemeinschaft der deutschen Privatschulen und den staatlichen Wirtschaftsämtern führten, etwa um Ersatz für ausgediente Bürsten, Besen, Scheuerlappen, für kaputte Schürzen, Pfannen, Kochtöpfe zu bekommen, füllte manchen Ordner, brachte oft aber nicht den gewünschten Erfolg. Die Erhöhung der Benzinration von 20 auf 40 Liter pro Monat wurde ebenso abgelehnt wie der Antrag auf Marken für Eisen, Kupfer, Messing, Zink zur Einrichtung einer elektrischen Wasserpumpe, die den – durch den Ausbau des Leitungsnetzes im Tal – verminderten Wasserdruck im Schloss erhöhen sollte. Auch Einkaufsscheine für die 20 Taschenlampenbatterien, die man beim Abschreiten der Schlafsäle während der Nacht, beim Anheizen der Heizkessel frühmorgens sowie beim nächtlichen Abschreiten der Grundstücke benötigte, waren nicht zu erhalten, obwohl Zoellner ihre Dringlichkeit verschiedentlich angemahnt und die Folgen ihres Fehlens der Reichsgemeinschaft drastisch geschildert hatte:

Die von uns einer Firma eingesandte Dringlichkeitsbescheinigung haben wir als unbrauchbar zurückerhalten. Inzwischen hat einer unserer Lehrer, der den Aufsichtsdienst hatte, einen Unfall erlitten, der nur darauf zurückzuführen ist, dass der Lehrer keine Taschenlampe hatte. Er stiess in der Dunkelheit gegen ein eisernes Schloßtor und erlitt eine erhebliche Verletzung am Unterleib. Er liegt seitdem zu Bett und ist in ärztlicher Behandlung.

Im Grunde handelte es sich dabei indes um Schwierigkeiten, die misslich, unangenehm, zum Teil sogar schmerzlich waren, die aber immer doch irgendwie ertragen und bewältigt werden konnten; denn Krieg und Zerstörung fand in Kirchberg zunächst einmal nicht statt. Mit Amalie Pfündels Worten:

Wir haben hier abseits vom Krieg ruhig leben können. Erst ganz zum Schluß hatten wir mal Beschuß, und es schlugen ein paar Granaten ein. Zwar gab es [seit September 1944] oft Fliegeralarm, und alle mußten in den großen Schloßkeller hinunter, aber wir hatten gut abgedunkelt und kein Schein drang aus den Fenstern. Der Feind flog oben drüber und bei Entwarnung ging es wieder hinauf und ins Bett. Trotz der Lebensmittelrationierung sind wir satt geworden und unsere Buben haben nie Hunger gelitten.

Doch die furchtbaren Auswirkungen des Krieges blieben Adolf Zoellner und Amalie Pfündel natürlich nicht verborgen. Sie erfuhren davon aus den Briefen der Altschüler, Eltern und einstigen Lehrer, die sie in großer Zahl erhielten. Viele ihrer Schüler waren im Glauben an den heiligen Dienst am Vaterland stolz und siegesgewiss zu den Fahnen geeilt, manch einer hatte sich aufgrund seiner soliden Segelfliegerausbildung in Kirchberg zur Luftwaffe gemeldet und berichtete zunächst frohgemut über gute Kameradschaft, siegreiche Schlachten und schöne Urlaubstage in Warschau. Feldpostbriefe wie die der Brüder Wolfgang und Rainer Haagen zeigen die enge Verbundenheit mit der Schloß-Schule, die Amalie Pfündel mit liebevollen Geburtstags- und Weihnachtspäckchen erwiderte, werfen aber zugleich ein bezeichnendes Bild auf die anfängliche Kriegsbegeisterung und ideologische Verblendung der jungen Menschen.

Ja - mit einem großen Pfingstfest im Frieden wird es ja wohl nichts werden. Vorläufig wird noch munter Krieg gespielt, und ich muß ganz ehrlich sein: es ist nicht mal so schlimm. Man sieht eine ganze Menge ‑ abgesehen von dem, was man erlebt. Die Stimmung hier draußen ist ja auch phantastisch.

Die Angst um Leib und Leben war bei den ehemaligen Schloßschülern zu Beginn des Krieges nur in wenigen Andeutungen spürbar. Erst mit der Katastrophe von Stalingrad im Winter 1942/43 und der Einberufung immer jüngerer Jahrgänge änderte sich der Ton. Von Spiel und Spaß, von Stolz und Siegesgewissheit war nicht mehr die Rede. Die Briefe sprachen offener von den Schrecken des Krieges, von Hunger und Kälte, von Lungenschüssen und Beinamputationen, von Desertation und schweren Rückzugsgefechten. Zudem häuften sich die Todesnachrichten und Verlustmeldungen. Nach den Aufzeichnungen von Amalie Pfündel fanden auf den Schlachtfeldern in Frankreich, Italien und Russland 66 Schüler und 6 Lehrer der Schloß-Schule den sinnlosen Soldatentod. 

Zoellners Kampf ums Überleben

Schon vor dem Zweiten Weltkrieg verstärkte sich der politische und wirtschaftliche Druck von Partei und Staat auf die Privatschulen. Erste Schritte, um sie materiell zu schädigen und schließlich ganz auszuschalten, waren das schon erwähnte Gewerbesteuergesetz und der Reichserlass, wonach jede Privatschule den Nachweis erbringen musste, dass sie (1.) durch ihre Existenz ein öffentliches Bedürfnis erfüllte und (2.) durch ihre politische Ausrichtung hinreichend für eine nationalsozialistische Formung und Erziehung der Schüler sorgte.

Eine neue Schikane bildete der im September 1937 vom Reich verfügte sog. „Beamtenerlass“. Er drohte allen Beamten und Berufssoldaten mit Ausschluss und Verlust des Arbeitsplatzes, sollten sie ihre Kinder ohne Vorliegen besonderer Verhältnisse weiterhin auf eine private Lehranstalt schicken. Der Herr Kultminister hat angeordnet, teilte Präsident Bracher von der Stuttgarter Ministerialabteilung für die höheren Schulen Direktor Zoellner persönlich mit, dass die Leiter aller Privatschulen ein Kind eines Beamten nur dann in ihrer Schule behalten oder in die Schule neu aufnehmen dürfen, wenn nachgewiesen ist, dass der Dienstvorgesetzte des Beamten einen zwingenden Grund für die Zuführung des Kindes in eine Privatschule anerkannt hat. Die Auswirkung dieses Erlasses von 1937, der viele – insbesondere kirchliche – Privatschulen ohne Schülerheim an den finanziellen Abgrund führte, hielt sich für Kirchberg in engen Grenzen, denn alle zehn von Zoellner gemeldeten Beamten- und Offizierskinder durften nach eingehender Prüfung die Schloß-Schule weiterhin besuchen; lediglich ein Schüler wurde vorerst nur solange in Kirchberg geduldet, wie seine Mutter in Amerika weilte.

Eine für Kirchberg und die Landerziehungsheime weit wichtigere Maßnahme erfolgte im dritten Kriegsjahr. Sie stand zwar von Anbeginn ganz oben auf der Liste der Partei, um die Erziehungsmacht des Staates gegenüber der Familie zu stärken, erhielt aber erst jetzt durch einen persönlichen Wunsch Hitlers höchste Priorität. Nach dem am 12. Februar 1941 von Martin Bormann, dem Stabsleiter der NSDAP, festgehaltenen und dann von Bernhard Rust, dem Reichsminister für Wissenschaft, Erziehung und Volksbildung, ausformulierten Führerbefehl sollten die staatlichen Heimschulen eine ganz erhebliche Ausweitung erfahren, und zwar durch Neugründung oder durch Umwandlung bisheriger Erziehungsstätten. Da im Kriege an Neugründungen kaum zu denken war, bedeutete der „Heimschulerlass“, dass alle noch bestehenden privaten Internate und Landerziehungsheime so schnell wie möglich zu verstaatlichen oder – in Ausnahmefällen – in eine Stiftung unter staatlicher Leitung und mit staatlichem Lehrkörper zu überführen waren. Dies sollte in zwei Etappen geschehen. In der ersten Etappe wurde die Schloß-Schule Kirchberg, wie 61 reichsdeutsche Internate und – mit Ausnahme des Landschulheims Michelbach a. d. Bilz – alle Landerziehungsheime und evangelisch-theologischen Seminare Baden-Württembergs, im Sommer 1941 ohne amtlichen Bescheid und Festakt der neu geschaffenen „Inspektion der deutschen Heimschulen“ in Berlin angeschlossen oder – wie es im Amtsjargon hieß – unterstellt.

Die Inspektion der deutschen Heimschulen war eine zentrale und weisungsgebende Schaltstelle zwischen Partei und Staat. Sie gehörte dem SS-Reichshauptamt und dem Reichserziehungsministerium an und wurde von dem bereits für die „Nationalpolitischen Erziehungsanstalten“ (Napola) zuständigen SS-Obergruppenführer August Heißmeyer geleitet. Die „SS-Inspektion“ verfolgte das Ziel, neben der allgemeinen Fach- und Dienstaufsicht des Kultministeriums die ideologische Kontrolle über die mit Misstrauen und Argwohn betrachteten Privatschulen und Internate zu intensivieren, was für die unterstellten Schulen wegen der zusätzlichen Bürokratie und Überwachung zunächst nur beschwerlich und lästig war, jedoch keine größeren organisatorischen und inhaltlichen Veränderungen mit sich brachte.

Die zweite Phase nach der Unterstellung war die Umwandlung. Sie wurde – wiederum reichsweit – ein halbes Jahr später eingeläutet. Bei einem Informationsbesuch in Kirchberg, bei dem er von Vertretern des Württembergischen Kultministeriums begleitet wurde, kam SS-Obersturmführer Fritz von der Berliner Heiminspektion am Schluss des einstündigen Treffens auf den eigentlichen Grund seines Besuchs zu sprechen, nämlich auf die Frage, ob, wann und wie die Schloß-Schule zu verstaatlichen sei. Zoellner war über die damit verbundene völlige Gleichschaltung der Schule und über die faktische Vernichtung seines reformpädagogischen Lebenswerks nicht bestürzt – im Gegenteil: er fand die Idee der Verstaatlichung und Umwandlung der Schloß-Schule in eine „Deutsche Heimschule“ oder – wie Heißmeyer zu sagen pflegte – Burg des Führers sogar gut, ja, aus den uns bereits bekannten Gründen: sein hohes Lebensalter, das prekäre Mietverhältnis, die aussichtslose Alternative als Stiftungs- oder Gemeindeschule – geradezu vernünftig, wie seine Notiz vom 15. Oktober 1941 über den Besuch von Obersturmführer Fritz augenfällig belegt.

Die Frage betreffend Verstaatlichung wurde gestellt, als über die Erhaltung des weiteren Bestandes der Schule gesprochen wurde. Da nur ein Mietvertrag vorliegt, ich als Besitzer der Schule 62 Jahre und nicht mehr lange dienstfähig bin, eine Umwandlung in eine Stiftung oder eine Gemeindeschule sich bisher als unmöglich erwies, ist jetzt die Frage, auf welche Weise kann der Bestand der Schule gesichert werden. Entweder muss sich die Gemeinde der Schule annehmen oder der Staat. Ich wäre mit einer Verstaatlichung einverstanden.

Doch zunächst ruhte die Sache, und die Frage der Verstaatlichung spielte vorerst keine Rolle mehr. Ein knappes Jahr später verlangte indes ein anderes Problem größte Aufmerksamkeit. Im Herbst 1942 erfuhr Zoellner – mehr oder weniger zufällig – von der Fürstlich Hohenlohe-Öhringen’schen Verwaltung als seiner Vermieterin, dass die Gebietsführung der Württembergischen Hitlerjugend brennend am Kauf bzw. an der Pacht des Kirchberger Schlosses interessiert sei. Die HJ, so hieß es, müsse im Kriege verstärkt junge Menschen auf den Fronteinsatz vorbereiten und wolle dazu in Kirchberg – wie zunehmend überall im Reich – ein sog. „Wehrertüchtigungslager“ eröffnen, d.h. ein Lager, in dem Jungen zwischen 14 und 18 Jahren zusammengezogen wurden, um in mehrwöchigen Lehrgängen neben allgemeinem körperlichen Training auch eine intensive vormilitärische Ausbildung im Schießen, Tarnen und Orientieren im Gelände zu erhalten.

Zoellner war entsetzt. Mehr als je zuvor stand seine und seiner Schule Existenz auf dem Spiel. Wie konnte er die Schüler beruhigen, die Eltern bei der Stange halten? Was sollte er tun? Zunächst versuchte er, sich mit der Fürstlichen Verwaltung in Öhringen zu verständigen und sie für eine Verlängerung des Mietvertrages um weitere fünf Jahre zu gewinnen. Die Verwaltung lehnte diesen Vorschlag freundlich, aber bestimmt ab. Daraufhin bot Zoellner dem Fürstenhause an, das Schloß selbst zu kaufen.

Die Schule ist an dem Verkauf des Schlosses so stark interessiert, dass auch sie als Käufer in Frage kommen kann – falls nicht etwa der Staat das Schloß kaufen will. Ich bitte daher darum, mir mitzuteilen, um welche Schlossteile es sich handelt, auch Park, Schlossgarten, und wie die Verkaufsbedingungen sind. Den verlangten Kaufpreis werde auch ich zahlen, und ich bitte darum, eine andere Stelle der Schule nicht vorzuziehen.

Auch dieser Vorstoß musste scheitern, weil die HJ – vor allem nach dem Desaster von Stalingrad – händeringend nach zusätzlichen Unterkünften suchte und sich das Kirchberger Areal anscheinend bestens für die beabsichtigte vormilitärische Ausbildung von Jugendlichen eignete. Die Schwierigkeiten, die sie damit der Schule und den Schulbehörden bereitete, kümmerte die HJ nicht – im Gegenteil: die Württembergische Gebietsführung ersuchte Zoellner am 15. April 1943, ohne jegliche Rücksicht auf bestehende Mietverträge und gesetzliche Kündigungsfristen, die Schul- und Internatsgebäude zu räumen und das Schloß innerhalb der nächsten drei Monate anstandslos zu verlassen. Joseph Abel, HJ-Hauptabteilungsleiter in Stuttgart, wählte für den Rauswurf einen bemerkenswert verbindlichen Ton:

Wie Ihnen bekannt ist, haben wir die Absicht, das Schloß Kirchberg/Jagst käuflich zu erwerben. Die Kaufverhandlungen gehen ihrem Abschluss entgegen, sodass wir noch im Laufe dieses Sommers das Schloss belegen werden. Wir sind von dem Besitzer des Schlosses Kirchberg ermächtigt, dasselbe heute schon zu übernehmen. Entgegenkommenderweise erklären wir uns aber bereit, Sie bis zum Schuljahresschluss, also bis zum 15. Juli dieses Jahres im Schloss zu belassen.

Zoellner war geschockt und entmutigt. Niemals konnte er in der gesetzten Frist für seine Schüler eine neue Unterkunft finden; und ein Kompromiß dergestalt, dass HJ und Schule die Gebäude miteinander teilten, kam für ihn nicht in Frage. Seines Erachtens waren Wehrertüchtigungslager und Landerziehungsheim nach Lehrplan und Lebensform zu unterschiedlich, als dass ein Zusammenleben unter einem Dach ohne Streit und Spannung möglich schien. Die ultimative Aufforderung der HJ, das Schloß schleunigst zu räumen, machte all seine vorhergehenden Überlegungen und Hoffnungen zunichte. Resigniert schrieb er an die Reichsgemeinschaft deutscher Privatschulen:

Ich hatte bisher angenommen, die HJ würde das Schloß zunächst doch nicht für Ihre Zwecke umbauen können und so könnte die Schule wenigstens den Krieg überdauern. Damit ist es also nichts. Ich bin mir heute völlig klar darüber, dass es aus ist mit Kirchberg als Schule. Wir müssen zumachen, das ist nicht mehr zu ändern.

Dennoch: trotz vermeintlicher Aussichtslosigkeit gab sich Zoellner nicht geschlagen. Wie die Leiter anderer Landerziehungsheime auch überlegte er, ein der Schule verbundenes Mitglied der obersten NS-Führung anzuschreiben und den Oberbefehlshaber der Luftwaffe und zweitmächtigsten Mann im Reich, Hermann Göring, um Hilfe zu bitten, da dessen Neffe, Walter Göring, die Schloß-Schule als Interner fünf Jahre lang besucht und in bester Erinnerung behalten hatte. Zoellner verband mit dem Brief die Erwartung, den Stuttgarter Gauleiter und Reichsstatthalter Wilhelm Murr doch noch zum Einlenken und zur Aufhebung der quasi fristlosen Kündigung zu bewegen. Er schrieb an Dr. Tenhof von der Reichgemeinschaft:

Wenn nichts anderes über den Gauleiter in Wttbg gehen sollte, werde ich mich an den Onkel unseres langjährigen Schülers Walter Göring, den Reichsmarschall Göring, wenden. Walter G. hat bei uns die Not-Reifeprüfung im Jahre 40 erhalten und wurde dann als Jagdflieger ausgebildet. Er wurde Leutnant und war längere Zeit bei seinem Onkel in Berlin, der ihn gern hatte. Walter drängte zum Einsatz, kam schließlich an die Front und ist bei seinem ersten Einsatz gegen England Juni 42 gefallen. Der Vater Görings lebt als Arzt in Wiesbaden. – Wie denken Sie über einen solchen Schritt?

Tenhof hielt von diesem Vorgehen offenbar nichts. Jedenfalls verfolgte Zoellner die Idee, Reichsmarschall Göring zum Erhalt seiner Schule einzuspannen, nicht weiter. Vielmehr verstärkte er die Zusammenarbeit mit der Reichsgemeinschaft deutscher Privatschulen und der Inspektion deutscher Heimschulen, die ihn nachdrücklich unterstützten und ihm wertvolle Hinweise gaben, wie er sich taktisch verhalten und juristisch gegen den Rauswurf wehren sollte, schließlich hatten beide Institutionen – merkwürdigerweise nicht Württembergs Ministerialabteilung für die höheren Schulen mit Dr. Rupert Dürr als zuständigen Referenten – ein elementares Interesse daran, dass nicht plötzlich einhundert Kinder und zwanzig Lehrer und Mitarbeiter auf der Straße standen und von ihnen versorgt sein wollten. Tenhof informierte Zoellner am 24. Mai 1943 über den Stand der Dinge:

Mir ist von Dr. Meißner [von der SS-Heiminspektion] ausdrücklich gesagt worden, ich möchte Sie veranlassen, sich nach wie vor auf die Bestimmungen des Mieterschutzgesetzes zu berufen. Zu letzterem weise ich darauf hin, daß es nach dem Mieterschutzgesetz keine Kündigung mehr gibt. Die Hitler-Jugend, Gebiet 20 [Württemberg], kann Ihnen also die Räume gar nicht kündigen. Eine trotzdem ausgesprochene Kündigung ist nichtig. Es gibt nach den Bestimmungen des Mieterschutzgesetzes nur noch die Mietaufhebungsklage. Die HJ müsste also gegen Sie auf Aufhebung des Mietvertrages klagen, und es würde dann in einem ordnungsmäßigen gerichtlichen Verfahren entschieden werden, ob und unter welchen Bedingungen der Klage stattzugeben ist. Ich empfehle Ihnen, hierauf in Ihrem Antwortschreiben an die HJ, Gebiet 20, ausdrücklich aufmerksam zu machen und im übrigen darauf hinzuweisen, daß Ihres Wissens die Angelegenheit Gegenstand von Besprechungen zwischen dem Inspekteur der deutschen Heimschulen, SS-Obergruppenführer Heißmeyer, und der Reichjugendführung ist und daß Sie sich nur an Weisungen halten werden, die Ihnen von dem Inspekteur der deutschen Heimschulen als der Ihnen vorgesetzten Stelle gegeben werden, nicht dagegen an Weisungen, die Ihnen von der Hitler-Jugend, Gebiet 20, zugehen.

Zoellner folgte dem Rat. Er berief sich auf das Mieterschutzgesetz, ignorierte die Anweisung des Dr. Dürr von der Stuttgarter Ministerialabteilung, keine Schüler mehr aufzunehmen, missachtete die Drohung der HJ, ihn bei unterlassener Räumung vor Gericht auf Schadensersatz zu verklagen, und reagierte nicht auf die Forderung, sich in Stuttgart zu einer Besprechung mit dem Obergebietsführer Süd der Hitlerjugend, Erich Sundermann, einzufinden. Die Taktik schien aufzugehen. Am 7. August 1943 teilte SS-Obergruppenführer Heißmeyer von der Berliner Heiminspektion dem Württembergischen Kultminister Mergenthaler jedenfalls mit, dass die Verstaatlichung der hiesigen Landerziehungsheime – und damit auch der Schloß-Schule Kirchberg – auf Reichsebene endgültig beschlossen und von der Stuttgarter Schulbehörde umgehend zu vollstrecken sei.

Nachdem die Frage der Trägerschaft inzwischen dahingehend entschieden wurde, dass die Unterhaltung sämtlicher württembergischer Heimschulen in personeller und sachlicher Hinsicht das Land Württemberg übernimmt, ersuche ich, die Verstaatlichung der Internatsschulen Urspring und Schloss Kirchberg nunmehr durchzuführen.

Für Zoellner war das eine erfreuliche Nachricht. Doch die inzwischen mit dem Vorgang befasste Berliner Reichsjugendführung unter Arthur Axmann ließ sich durch juristische Einwände und administrative Verfügungen nicht beeindrucken. Sie erwirkte vielmehr beim Württembergischen Reichsstatthalter und Reichsverteidigungskommissar Murr zugunsten der Stuttgarter HJ eine Beschlagnahmeverfügung, die Heißmeyers Erlaß vom 7. August eindeutig widersprach und fast den gesamten Fürstlichen Besitz in Kirchberg miteinbezog. Wie der mit der Konfiszierung beauftragte Amtsverweser Dr. Karl Sautermeister vom Landratsamt in Crailsheim der Fürstlich Hohenloheschen Domänenverwaltung in Öhringen am 30. September 1943 per Einschreiben bekannt gab:

Entsprechend der Anordnung des Herrn Reichsstatthalter – Reichsverteidigungskommissar – in Stuttgart vom 14. September 1943, wird das Schloss Kirchberg a. d. J. aufgrund des § 25 des Reichsleistungsgesetzes für die Hitlerjugend beschlagnahmt. – Von der Beschlagnahme werden erfasst:

1)      Geb. Nr. 179 und 180 – Schloss und Wachthaus – mit Hofraum, Garten und Feldweg Nr. 17 bis zur westlichen Auffahrt beim langen Bau.
2)      Geb. Nr. 25 – Eberhardsbau mit Hofraum.
3)      Geb. Nr. 184 – Treibhaus [Orangerie].
4)      Geb. Nr. 185 – Magazinsgebäude [heute Diskothek an der südwestlichen Ecke des Hofgartens].
5)      Geb. Nr. 65 – Scheuer [schräg gegenüber der Diskothek, heute nicht mehr vorhanden].
6)      Geb. Nr. 53 – Wohnhaus einschließlich Hofgarten [linkes Haus des Schlossgärtners am Durchgang von der Poststraße zur Orangerie].

Die Situation war verworrener denn je. Zwei Gliederungen der Partei: SS und HJ – stritten auf höchster Ebene um einunddieselbe Immobilie und versuchten sich durch widersprüchliche Anordnungen und Verfügungen gegenseitig auszustechen. Zoellner stand dem hilflos gegenüber. Er wunderte sich über nichts mehr und sah das Ende seiner Schule gekommen. Selbst die SS-Inspektion der deutschen Heimschulen als seiner obersten vorgesetzten Behörde konnte ihn anscheinend nicht vor den unbändigen Begierden der HJ-Führung beschützen. Doch Tenhof von der Reichsgemeinschaft, dem er sein Herz ausgeschüttet hatte, machte ihm Mut. Er richtete ihm aus, was ihm der Stabsführer der Heiminspektion, SS-Obersturmbannführer Dr. Erich Schmidt, aufgetragen hatte:

Sagen Sie Herrn Zoellner, er soll sich nicht nervös machen lassen, sondern ruhig weiter arbeiten und sich auf nichts einlassen. Man wird nicht so weit gehen, die Schule zwangsweise hinauszusetzen. Das ist eine Sache, an der auch die Parteikanzlei interessiert ist, das weiß die HJ.

Schmidt sollte recht behalten. Im polykratisch organisierten NS-Staat fungierte hier wie so oft die Parteikanzlei als allgewaltige Clearingstelle bei Konflikten zwischen zerstrittenen und um Macht und Einfluss konkurrierenden Dienststellen. Durch Intervention des Chefs der Parteikanzlei, Martin Bormann, der ja die Gesamtverstaatlichungsaktion in Gang gesetzt und zu seiner persönlichen Angelegenheit erklärt hatte, wurde die Beschlagnahme des Schlossareals für die HJ auf Anordnung des Reichstatthalters von Württemberg und durch Verfügung des Landratsamts in Crailsheim am 3. Dezember 1943 wieder aufgehoben; und sechs Wochen später, am 17. Januar 1944, konnten Heißmeyer und die Heiminspektion einen weiteren Sieg vermelden, als sie die Schul- und Internatsgebäude als Vorstufe zur endgültigen Gleichschaltung und Verstaatlichung der Schloß-Schule durch das Stuttgarter Kultministerium konfiszieren ließen.

Mit der dann am 1. April 1944 definitiv vollzogenen Umwandlung des privaten Landerziehungsheims in eine nationalsozialistische Deutsche Heimschule ging der lange und zermürbende Kampf ums Überleben zu Ende. Das Ergebnis nahm Zoellner mit sehr gemischten Gefühlen zur Kenntnis. Einerseits war er erleichtert. Die Schloß-Schule war gerettet, die Mitarbeiter – einschließlich Amalie Pfündel – behielten ihre Arbeit, und die Schüler – externe wie interne – konnten weiterhin den Unterricht besuchen. Andererseits haderte Zoellner mit dem Schicksal. Er war der Partei nie negativ aufgefallen, hatte sich den Normen und Regeln des Regimes weitgehend angepaßt und keine Unrechtmäßigkeit begangen. Trotzdem musste er jetzt die Schule abgeben und der Leitung entsagen. Verbittert berichtete er Tenhof über seine Ausbootung:

Im württemb. Kultministerium in Stuttgart, wohin ich beschieden wurde, wurde mir gesagt, ich sei zu alt (ich werde im Mai 65 Jahre alt), und ich könne daher nicht als Beamter übernommen werden. Der Schulleiter müsse ein Beamter sein, und daher werde die Schulleitung einem Beamten übertragen werden.

Die Landerziehungsheimidee, die in Schondorf, Salem, Holzminden und anderswo zumindest von kleinen Gruppen offen und leidenschaftlich verfochten wurde, fand in Kirchberg keine Verteidiger. Durch die Verstaatlichung schien der sonst so oft beschworene Geist der Schloß-Schule nicht gefährdet zu sein. Zoellner jedenfalls äußerte keine ideellen Bedenken, stattdessen machte er sich im Nachhinein viele Gedanken, ob es aus finanziellen Gründen nicht doch falsch gewesen sei, sich gegen die Forderung der HJ und Reichsjugendführung so vehement gewehrt zu haben:

Es stimmt, dass ich mich für den Bestand der Schule nicht so hätte einsetzen sollen, wie ich es getan habe, als die HJ hier einziehen wollte und das württ. Min. die weitere Aufnahme von Schülern bereits verboten hatte. Ich hätte ein besseres „Geschäft“ gemacht, das ist sicher. Und ich hätte wenigstens keine rücksichtslose Behandlung erlebt wie jetzt, da das Kultministerium ihm nur den abgeschriebenen Wert der Licht- und Wasserleitungen, der Heizungs- und Abortanlagen, der Tische, Bänke, Tafeln, Schränke, Betten, Sportgeräte, also all der Dinge bezahlen wollte, die er im Laufe der Zeit angeschafft und in den Schul- und Internatsräumen des Schlosses installiert hatte.

Fortzsetzung von Kapitel 2