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Kirchberg/Jagst: Schloß-Schule Kirchberg 2007. S. 87-122.

3. Vom Schloß auf die Windshöhe 1945-1964

Das Kriegsende war turbulent und schrecklich. Amalie Pfündel erinnerte sich in ihrem Lebensrückblick mit Grauen an diese Zeit:

Es kam schlimmer, als wir es uns gedacht hatten in Kirchberg. Kaum waren die letzten Schüler endlich mit der letzten Eisenbahn, die am selben Tag eingestellt wurde, heimgeschickt worden, zogen auch schon die ersten Amerikaner ein und das Schloß wurde eine Durchgangsstation der amerikanischen Truppen. Wir Zurückgebliebenen, kampierten wochenlang im großen Schloßkeller mit einigen Jungen, die aus Norddeutschland waren und nicht mehr weg konnten, weil die Mainlinie schon längst besetzt war. Außerdem waren noch viele andere Leute mit uns: Schloßbewohner, Flüchtlinge mit kleinen Kindern und die Förstersfamilie mit Hund. Als Lager hatten wir die noch vorhandenen Schülerbettstellen aufgestellt, immer für 2 Personen ein Bett. Herr Direktor Zoellner im Sessel mit Hut und Mantel wegen der Kälte!

Der Betrieb der Schloß-Schule wurde Ende März 1945 eingestellt, aber die offizielle Auflösung der staatlichen Oberschule erfolgte per Erlass der neu konstituierten Württembergischen Landesverwaltung erst zum fiktiven Schuljahrsende am 31. August. Bis zu diesem Zeitpunkt wurden die Gehälter für die Lehrer und Mitarbeiter aus der Staatskasse bezahlt und die Mieten und Nebenkosten an die Fürstlich Hohenlohesche Domänenverwaltung überwiesen.

Doch die Frage, die wirklich interessierte und allen Beteiligten auf den Nägeln brannte, sah anders aus. Sie lautete: Wie soll es mit der Schloß-Schule weitergehen? Kann sie überhaupt wiedererrichtet werden? Soll sie als öffentliche Schule oder als Privatschule wiedererstehen? Und: Wann und wo und unter welchen Bedingungen sollte – und konnte – eine Wiedereröffnung erfolgen? Die Antwort auf diese Frage ließ lange auf sich warten, und das ewige Besprechen und Verhandeln zehrte an den Nerven. Wie zwei Jahre zuvor, als Zoellner mit SS, HJ und diversen Reichs- und Landesbehörden um die Existenz der Schule kämpfte, waren auch jetzt wieder viele Interessenten und Konkurrenten im Spiel, und wie damals war der Verlauf der Auseinandersetzung voller Überraschungen und Wendungen. Aber Amalie Pfündel, die dieses Mal als enge Vertraute und Generalbevollmächtigte Zoellners die Interessen der Schule vertrat, behielt den Überblick. Ohne ihre Besonnenheit, ihren Mut, ihr diplomatisches Geschick – daran besteht kein Zweifel – hätten die aufreibenden Verhandlungen mit gewitzten und mächtigen Gegnern ein schnelles und – für die Schloß-Schule – böses Ende gefunden.

Amalie Pfündels Kampf um das Schloss

Nach der endgültigen Eroberung und Befriedung von Crailsheim und seiner Umgebung Ende April 1945 diente das Kirchberger Schloss unterschiedlichen Zwecken. Zunächst wurden dort amerikanische Soldaten einquartiert, dann war es ein Durchgangslager für ehemalige Zwangsarbeiter vor allem polnischer und italienischer Nationalität. Schließlich beschlagnahmte das dem Stuttgarter Innenministerium unterstellte Staatskommissariat für Flüchtlingsfragen die gesamte Anlage und beauftragte am 2. April 1946 den Württembergischen Landesverband der Inneren Mission, in dem idyllisch an der Jagst gelegenen Schlosskomplex ein Altenheim für Ostflüchtlinge einzurichten. Für alle Betroffenen war klar: die Entscheidung, einhundert Alten und Gebrechlichen unter den Millionen von Flüchtlingen und Vertriebenen aus den ehemaligen deutschen Ostgebieten in Kirchberg eine neue Heimat zu geben, konnte nicht einfach ignoriert und revidiert werden – dazu war die Landesbehörde zu stark und das zu lösende Problem, die Linderung der Flüchtlingsnot, zu drängend. Letztlich griff die Entscheidung vom 2. April 1946 tief in das Gefüge der Stadt ein und besaß für die Zukunft und die Weiterentwicklung der Schloß-Schule allergrößte Bedeutung.

Neben dem Kommissariat für Flüchtlingsfragen gab es von Beginn an freilich noch ein Staatsorgan, das sich für das Kirchberger Schloss interessierte, nämlich die Württembergische Landesverwaltung für Kultus, Erziehung und Kunst. Bereits im Juli 1945 fragte die Landesverwaltung beim Bezirksschulrat Crailsheim an, ob die Räume der bisherigen Schloß-Schule, aber auch das Gebäude des ehemaligen Schulungslager des Reichsarbeitsdienstes in Mistlau (heute Quellhof) sich als Ersatz für die im Kriege zerstörte und nur behelfsmäßig hergerichtete Oberschule in Crailsheim eigneten. Später hielt das jetzt wieder so genannte Kultministerium Ausschau nach einem Standort für verschiedene andere Bildungsanstalten wie etwa eine Lehreroberschule für künftige Volksschullehrer oder ein Schulinternat für Kinder von Ostflüchtlingen oder für frühere Aufbauschüler. Das Kultministerium verfolgte diese Pläne allerdings nicht weiter, nachdem es andere Mittel und Wege gefunden hatte, um die gröbste Schul- und Raumnot im Kreis und in der Region zu lindern. So wurde noch im Schuljahr 1945/46 in Künzelsau die Aufbauschule mit Heim (heute Schloßgymnasium) wiedereröffnet, in Langenburg ein kleines gemeindeeigenes Progymnasium (1955 geschlossen) gegründet, in Blaufelden eine (bis 1956 existierende) Außenstelle der Oberschule Crailsheim angesiedelt und schließlich – ein Jahr später – in Michelbach an der Bilz auf dem Areal des früheren Landerziehungsheims eine Lehreroberschule mit Internat (heute Evangelisches Schulzentrum) eingeweiht. (Die Oberschule Gerabronn nahm erst 1949 ihre Arbeit wieder auf.)

Mit dem Kultministerium war durch die Einrichtung dieser Schulen ein mächtiger Interessent im Kampf um das Kirchberger Schloss ausgeschieden. Doch das Staatskommissariat für Flüchtlingsfragen und der von ihr beauftragte Landesverband der Inneren Mission hatten sich gegen einen weiteren Konkurrenten zu wehren. Im Namen des 66-jährigen Adolf Zoellner, der die Verstaatlichung seiner Schule durch die Nationalsozialisten, aber auch den vom Ministerium für politische Befreiung eingeleiteten Prozess der Entnazifizierung als ungerecht und demütigend empfand und deshalb seelisch zusammenbrach, bemühte sich Amalie Pfündel beharrlich um die Wiedereröffnung des seit dreißig Jahren im Schloss beheimateten Landerziehungsheims. Die ersten Anfragen und Besuche bei der zuständigen Schulbehörde in Stuttgart hatten eine freundliche Zusage erbracht. Am 3. August 1945 informierte die Landesverwaltung für Kultus, Erziehung und Kunst Zoellner über ihre Pläne:

Es ist beabsichtigt, die staatliche Oberschule mit Heim, die seit 1. April 1944 in Kirchberg a. J. bestand, auf 1. September 1945 zu schliessen und auf den gleichen Zeitpunkt die Wiedererrichtung einer privaten Oberschule nach den seit 1926 bestehenden Grundsätzen zu gestatten.

Diese Absichtserklärung der Landesverwaltung schien alle Schloß-Schul-Wünsche zu erfüllen, sie besaß jedoch keinen unmittelbar praktischen Wert. Denn obwohl Zoellner und Pfündel das ministerielle Schreiben allgemein bekannt gemacht und zudem der Fürstlich Hohenloheschen Domänenverwaltung in Öhringen gegenüber stets ihren festen Willen bekundet hatten, Schule und Internat am 1. September 1946 wieder im Schloss zu eröffnen, erklärte sich die Fürstliche Verwaltung auf Verlangen des Stuttgarter Innenministeriums bzw. Flüchtlingskommissariats am 3. April 1946 sofort bereit, dem Landesverband der Inneren Mission den gesamten Schlosskomplex zur Unterbringung von Flüchtlingen zu überlassen und mit allen wichtigen Gebäuden und Grundstücken zu vermieten.

Amalie Pfündel war alarmiert. Ohne Verzug wandte sie sich an die Stadt Kirchberg, um von dort Hilfe und Unterstützung zu bekommen. Ihr Appell verhallte nicht ungehört. Tatsächlich richtete der von der amerikanischen Militärregierung neu ernannte Bürgermeister von Kirchberg, Malermeister Wilhelm Blöß, noch am 10. April in Abstimmung mit dem Gemeinderat eine dringende Eingabe an das Württembergische Kultministerium, in dem er sich für die staatliche Genehmigung einer privaten Oberschule mit Schülerheim in Kirchberg einsetzte. Er begründete seinen Antrag ausführlich:

Durch eisernen Fleiß und Tatkraft wurde viele Jahre vor dem Kriege durch den damaligen Herrn Direktor Adolf Zoellner in Kirchberg/Jagst eine Oberschule mit Schülerheim aufgebaut, die von Schülern aller deutschen Gaue besucht war und sich mit jeder anderen Schule messen konnte. Im Jahre 1944 wurde die Schule vom Staat übernommen und bei Kriegsende aufgelöst. Da nun Kirchberg weitab jeder Bahnstation liegt, ist den Eltern von Kirchberg und Umgebung keine Möglichkeit geboten, ihre Kinder in irgendeine höhere Schule zu schicken. Wohl wurde versucht, die Kinder durch Omnibusverkehr nach dem 12 km entfernten Crailsheim zu schicken; aber der Unterricht wurde durch Witterungseinfluß und sonstigen technischen Störungen derart oft unterbrochen, daß es auf die Dauer kaum denkbar ist. Ferner sind viele Eltern nicht in der Lage, das tägliche Fahrgeld für einen Privatomnibus aufzubringen. Nachdem nun im Schloß Kirchberg/Jagst die Räume sowie ein großer Teil der Einrichtungsgegenstände vorhanden sind, wäre es auch der Wunsch vieler Eltern aus den Städten, die ja zu einem Großteil vernichtet sind, ihre Kinder wieder in der früheren Heimschule in Kirchberg unterzubringen, was die vielen Anfragen beim Bürgermeisteramt beweisen.

In seiner Eingabe hob Bürgermeister Blöß die geographische Randlage Kirchbergs, die akute Bildungsnot der Kinder und die gute Infrastruktur im Schloss hervor. Anders als seine Vorgänger unterließ er es aber, auf die große ökonomische Bedeutung hinzuweisen, die das Landerziehungsheim für das heimische Gewerbe und Handwerk besessen hatte und als Arbeitgeber, Investor und Konsument wieder erlangen sollte.

Sein Vorstoß zeigte dennoch schnelle Wirkung. Bereits zwei Tage später, am 12. April 1946, kam es zu einem Treffen zwischen ihm, Amalie Pfündel und Dr. Gustav Vöhringer, dem Vertreter des Landesverbandes der Inneren Mission. Vöhringer gab sich kulant und kompromißbereit. Er betonte einerseits, dass der Landesverband durch das Staatskommissariat für Flüchtlingsfragen die Verfügungsgewalt über das gesamte Schloss erhalten habe; andererseits signalisierte er seine Bereitschaft, das berechtigte Interesse der Stadt Kirchberg an einer eigenen, im Schloss unterzubringenden höheren Bildungsanstalt so weit wie möglich zu berücksichtigen. Er stellte allerdings die Forderung auf, dass das Württembergische Kultministerium vorab seine Zustimmung zur Schuleröffnung erteile.

Diese Zustimmung ließ indes auf sich warten und wurde zwischenzeitlich völlig in Frage gestellt. Aus einem Telefongespräch, das er am 2. Mai 1946 mit dem zuständigen Referenten im Kultministerium, Oberregierungsrat Schmidt, geführt hatte, meinte Vöhringer nämlich entnehmen zu können, dass das Ministerium von der Errichtung einer Heimschule in Kirchberg/Jagst Abstand nehmen müsse und dass die Wiedereinrichtung des früheren Internats durch Herrn Direktor Zoellner ausgeschlossen sei. Vöhringer war über diese Aussage hoch erfreut, denn nun hatte die Innere Mission – seines Erachtens – freie Bahn für ihre Pläne und brauchte nicht mehr auf die Wünsche der Schloß-Schule Rücksicht zu nehmen. Flugs informierte er alle Beteiligten über die für den Landesverband so glückliche Entscheidung. Unter diesen Umständen, fügte er in seinem Rundbrief triumphierend hinzu, ist es nunmehr unsere Pflicht, so rasch als möglich das geplante Heim für alte und hilfsbedürftige Ostflüchtlinge einzurichten. Vorsichtig wie er war, bat Vöhringer das Kultministerium jedoch um eine schriftliche Bestätigung des telefonischen Bescheids. Am 17. Mai erhielt er von Regierungsdirektor Mack ein Schreiben, das seiner Euphorie einen heftigen Dämpfer verpasste. Mack stellte nämlich klar, dass Vöhringer seinen Kollegen Schmidt wohl nicht richtig verstanden habe und – bezüglich der Unterbringung einer Privatschule im Schloss – einem Missverständnis erlegen sei:

Ich bestätige die Herrn Dr. Vöhringer zu Beginn des Monats gemachte fernmündliche Mitteilung, dass das Kultministerium von der Errichtung einer staatlichen Aufbauschule in Kirchberg Abstand genommen hat, dass aber die Möglichkeit der Genehmigung einer von der Gemeinde gewünschten Privatschule noch offen steht. Diese Privatschule würde jedoch gegebenenfalls nur einen kleineren Teil des Schlosses in Anspruch nehmen.

Am selben Tag gab Mack die ministerielle Entscheidung auch Bürgermeister Blöß bekannt. In verständlichem, aber manchmal etwas gewundenem Amtsdeutsch erklärte er, unter welchen personellen und sachlichen Bedingungen die Schloß-Schule von Staats wegen eventuell zu Beginn des neuen Schuljahrs ihre Arbeit vielleicht wieder aufnehmen könne:

Was die Errichtung einer Privatschule mit Schülerheim im Schloss Kirchberg anbelangt, so ist das Kultministerium an sich nicht abgeneigt, eine solche u.U. für Unter- und Mittelklassen 1 – 5 zu genehmigen, um in erster Linie den Kindern von Kirchberg und Umgebung den weiten und teuren Schulweg nach Crailsheim zu ersparen und die raumbeschränkte Oberschule Crailsheim zu entlasten. Voraussetzung dafür wäre aber ein politisch einwandfreier und fachlich geeigneter Lehrkörper und eine billigen Anforderungen entsprechende Unterbringung und Ausstattung der Schule. Es wird Ihnen anheimgestellt, einen genauer umrissenen Antrag unter Nennung der Lehrkräfte und Vorlage von deren Fragebogen sowie Angabe der in Frage kommenden Schülerzahl sowie der vorgesehenen räumlichen Unterbringung hierher vorzulegen.

Für Blöß war damit die Schloß-Schule gerettet. Zusammen mit Amalie Pfündel und Adolf Zoellner arbeitete er seine Eingabe vom 10. April zu einem regelrechten Antrag aus und reichte ihn gespickt mit sieben Anlagen umgehend an die oberste Schulbehörde weiter. Doch der Staatskommissar für das Flüchtlingswesen, der eine Durchschrift von Macks Schreiben an Vöhringer erhalten hatte, interpretierte den Brief ganz anders. Ähnlich wie sein Kollege verstand er die Vermietungszusage der Fürstlichen Verwaltung und das Desinteresse des Kultministeriums an der Errichtung einer Schule in staatlicher Trägerschaft als Freifahrschein für die Innere Mission und als Berechtigung, nun allein und souverän über das Hohenlohesche Schloss herrschen zu können. Am 22. Mai schickte er Bürgermeister Blöß eine schriftliche Anordnung, in der er die Stadt Kirchberg als untere Vollzugsbehörde aufforderte, für die Räumung des Kirchberger Schlosses und für die Übergabe der Gebäude an Herrn Dr. Vöhringer zu sorgen – eine Verfügung, die Blöß trotz mehrmaliger Ermahnung einfach nicht durchführte.

Es ist nicht zu übersehen: die Fronten waren – wieder einmal – total verhärtet. Wie im Jahre 1943, als um die Einrichtung eines Wehrertüchtigungslagers gestritten wurde, standen sich jetzt mit Flüchtlingskommissariat-Innerer Mission und Schule-Stadt zwei Parteien gegenüber, die beide das Schlossareal für sich allein beanspruchten. Aber dieses Mal griff keine allmächtige Parteikanzlei ein, die diktatorisch entschied, wer die Trophäe erhielt. In einer Demokratie, wie sie jetzt existierte, war ein runder Tisch gefordert, an dem alle Betroffenen zusammenkamen, um einen für alle erträglichen Kompromiss auszuhandeln. Es war Vöhringer, der dies erkannte und für den 14. Juni 1946 Flüchtlingskommissar Kröttinger aus Crailsheim, Oberregierungsrat Schmidt aus Stuttgart, Verwaltungsrat Förster aus Öhringen, Bürgermeister Blöß und vier Gemeinderatsmitglieder sowie Frau Pfündel in Vertretung von Direktor Zoellner und der an der Wiedererrichtung des Internats interessierten Kreise zu einer Besprechung im Kirchberger Schloss einlud (Schmidt und Förster als Vertreter des Kultministeriums bzw. der Fürstlichen Verwaltung erschienen allerdings nicht). Bei dem Treffen ging es nicht mehr darum, wer über das Schloss verfügen sollte, sondern nur noch darum festzulegen, welche Partei welche Gebäude und Räume zur Nutzung bekam. Die Vereinbarung, die schließlich protokolliert und mit Zustimmung aller Anwesenden geschlossen wurde, hielt als wesentliches Ergebnis drei Punkte fest:

1. Um der Gemeinde Kirchberg/Jagst und den interessierten Kreisen die Wiedereinrichtung eines Internats zu ermöglichen, verzichtet der Landesverband der Inneren Mission auf den ursprünglichen Plan, im Schloss Kirchberg und im Eberhardsbau ein Altenheim für 100 – 120 Ostflüchtlinge einzurichten und begnügt sich mit der Einrichtung eines Altenheims für ca. 60 Ostflüchtlinge.
2. Für die Einrichtung des Heims werden der Eberhardsbau und die Wohnräume im Marstallbau des Schlosses in Aussicht genommen – wenn möglich unter Einbeziehung der Oberförsterswohnung, andernfalls in Verzicht auf diese Räume. Die Wohnräume im Marstallbau freizumachen, übernehmen der Herr Flüchtlingskommissar und der Herr Bürgermeister gemeinsam.
3. Der Witwenbau und das eigentliche Schloss werden vom Landesverband nicht in Anspruch genommen und für die Zwecke der Schule und des Internats freigegeben.

Mit dem Kompromiss vom 14. Juni 1946 war der Kampf vorläufig entschieden. Die Schule hatte sich mit tatkräftiger Hilfe der Stadt und des Kultministeriums ein Aufenthalts- und Bleiberecht im Schloß erstritten. Doch der Hauptgewinner war die Innere Mission. Sie konnte mit Unterstützung des Staatskommissariats für Flüchtlingsfragen und mit Hinweis auf die außerordentliche Notlage der Gebrechlichen unter den Ostflüchtlingen ihre inzwischen errungene Vormachtstellung bewahren und das Gymnasium und Internat aus dem begehrten Eberhardsbau und dem Marstallflügel hinausdrängen, so dass der Schloß-Schule von den fast 100 Zimmern, die sie vor dem Kriege belegt hatte, jetzt nur noch 40, vornehmlich im Witwen- und Mittelbau gelegene Räume für Unterricht und Unterkunft zur Verfügung standen.

Die Stadt Kirchberg als Träger der Schule

Die Schreiben, die Bürgermeister Blöß im April und Mai an das Kultministerium gerichtet hatte, waren keine bloßen Gefälligkeitsbriefe, um dem Anliegen Zoellners und Pfündels in Stuttgart mehr Nachdruck zu verleihen. Sie offenbarten vielmehr den festen Willen der Stadt, die Tradition einer fast 250-jährigen höheren Schulbildung am Ort nicht einfach abbrechen zu lassen.

Der Gemeinderat und die gesamte Einwohnerschaft, lautete der letzte Satz in der Eingabe vom 10. April, bittet nun durch das Bürgermeisteramt, der Stadt Kirchberg unter geeigneter Leitung (unter der Leitung des Herrn Studienrat Karl Stabenow) wieder ein Schülerheim mit Oberschule zu genehmigen.

Dass Bürgermeister Blöß den Antrag im Namen der Stadt und nicht im Namen von Zoellner oder Pfündel stellte und als Schulleiter einen pensionierten Studienrat ins Gespräch brachte, hatte seinen guten Grund. Adolf Zoellner kam als ehemaliges Mitglied der NSDAP und anderer Parteiorganisationen für die Schulleitung zunächst nicht mehr in Frage, und die politisch unbelastete Amalie Pfündel besaß als gelernte Kindergärtnerin nicht die Examina, die von dem Leiter eines staatlich anerkannten Gymnasiums gefordert wurden. Wichtig war offenbar noch eine weitere Überlegung. Der Genehmigungsprozess werde sicherlich vereinfacht und beschleunigt, so das Kalkül von Pfündel, Zoellner und Blöß, wenn nicht mehr eine Privatperson als Träger der Schloß-Schule in Erscheinung trete, sondern eine öffentliche Institution wie etwa die Stadt Kirchberg.

Die Strategie, durch kommunales Engagement und unbelastetes Management die Solidität und Integrität des Projekts zu bekunden, zahlte sich aus. Vermutlich Mitte Juli 1946 genehmigte das Kultministerium offiziell der Stadt Kirchberg die Errichtung einer nichtstaatlichen höheren Schule mit Schülerheim in Kirchberg. In dem von Oberregierungsrat Schmidt unterzeichneten und – erstaunlicherweise – undatierten Genehmigungsschreiben mit dem Aktenzeichen U III Nr. 0.1067 bestätigte das Ministerium seine im Schreiben vom 17. Mai aufgestellten Bedingungen und präzisierte sie in neun Punkten, die von der Stadtverwaltung auch sofort akzeptiert und bestätigt wurden. Die vier wichtigsten Punkte seien genannt:

1) Die Stadtverwaltung Kirchberg/Jagst ist Trägerin der Schule: sie trägt sämtliche für die Führung der Schule entstehenden Kosten. 2) Die Stadt Kirchberg hat sich wegen der Genehmigung der Schule an die Amerikanische Militärregierung zu wenden ... 4) Der Leiter und die Lehrer der Schule müssen deutsche Prüfungen für das höhere Lehramt oder in Ausnahmefällen diesen ähnliche Prüfungen abgelegt haben. Sie werden von der Gemeinde angestellt. Ihre Anstellung bedarf der Genehmigung des Kultministeriums. Voraussetzung dafür ist ihre endgültige Zulassung als Lehrer durch die amerikanische Militärregierung oder durch eine Spruchkammer des Staatssekretariats für Sonderaufgaben. 5) Studienrat a.D. Stabenow wird als Leiter der Schule genehmigt.

Wie schon Bürgermeisters Blöß‘ Eingabe vom 10. April 1946 vermittelte auch Schmidts U III Nr. 0.1067 den Eindruck, dass die ehemals private Schloß-Schule zum zweiten Mal eine öffentlich finanzierte, nun aber städtische Einrichtung werden sollte, was – nach der strikten Zurückweisung eines solchen Ansinnens in den Jahren 1916, 1926 und 1939 – auf einen radikalen Sinneswandel des Gemeinderats hindeuten würde. Das war jedoch nicht der Fall. Die Stadt Kirchberg übernahm zwar formal die Trägerschaft, ging aber keinerlei Verpflichtungen ein. Vielmehr reichte sie die gesamte Verantwortung, insbesondere das wirtschaftliche Risiko, postwendend an private Schulunternehmer, nämlich an Zoellner und Pfündel, weiter, wie sie es ja unter ähnlichen Umständen 1914 nach der Schließung der Lateinschule schon einmal gemacht hatte. Diese Art der Privatisierung öffentlicher Aufgaben wird aus einer Vereinbarung ersichtlich, die die Stadt Kirchberg mit der von der Gemeinde mit der wirtschaftlichen Leitung des Internats und Schule beauftragten Amalie Pfündel und dem Besitzer der Einrichtungsgegenstände Adolf Zoellner schloß. Der zu Schuljahrsbeginn am 16. September 1946 unterzeichnete Verpflichtungsvertrag auf Gegenseitigkeit hatte folgenden Wortlaut:

Die Stadtgemeinde als vom Kultministerium laut Schreiben U III Nr. 0.1067 als Trägerin der Schule bestimmt, übergibt die gesamte wirtschaftliche Leitung, Buch und Kassenführung an Frau Amalie Pfündel. Dieselbe hat der Gemeinde eine monatliche Abrechnung, aus der ein irgendwie auftretender Abmangel sofort zu ersehen ist, vorzulegen. Irgendwelche auftretende besondere Fälle, oder die im Absatz 4 des Genehmigungsschreibens angeführten Punkte, sind im Einvernehmen mit der Stadtverwaltung zu treffen. Die Stadtgemeinde behält sich das Recht vor, bei Nichtrentabilität der Schule, jederzeit die ihr vom Kultministerium erteilte Erlaubnis zum Führen der Schule zurückzunehmen und den Schulbetrieb einzustellen. Für jeden auftretenden Abmangel haften die beiden obengenannten Personen mit ihrem gesamten Vermögen.

Sämtliche Einrichtungsgegenstände verbleiben Eigentum des Herrn Adolf Zoellner und Frau Amalie Pfündel. Bei irgendwie auftretenden Veränderungen, Todesfall oder sonstigen Vorkommnisse bedingt sich die Gemeinde das Vorkaufsrecht auf die in Schule und Internat vorhandenen Einrichtungsgegenstände aus. – Die Stadtgemeinde verpflichtet sich, aus der Schule und Internat, solange sie unter Leitung der anfangs genannten Personen stehen, keinen Nutzen zu ziehen, so daß jeder verbleibende Gewinn, denselben zufällt.

Die Trägerschaft der Stadt Kirchberg war eine rechtliche Konstruktion, die in der Praxis recht locker gehandhabt wurde. Der Bürgermeister erledigte zwar den wichtigsten Briefverkehr mit der Außenwelt, unterschrieb die Mietverträge mit der Fürstlichen Verwaltung des Hauses Hohenlohe-Öhringen und erhielt – einmal – die Bilanzen der Schule zur Einsicht. Aber ein regelrechtes Aufsichtsgremium, das die Geschäftsführung der Schule beriet, lenkte und kontrollierte und, wie vorgesehen, die Anstellungsverträge mit Leitern, Lehrern und anderen Mitarbeitern abschloß, ein solches Gremium existierte offensichtlich nie. Die Schloß-Schule hatte davon keinen Schaden – im Gegenteil: sie profitierte von dem Arrangement. Als zum Beispiel der Rat des Kreises Crailsheim im Jahre 1948 den Oberschulen in Crailsheim und Langenburg einen Beitrag zu den Unterrichtskosten gewährte, da erhielt auch die Schloß-Schule als quasi öffentliche Schule ohne Umstände einen Zuschuss von 50 DM pro Jahr für jeden Ortsschüler, der direkt und ungekürzt als Ermäßigung an die Eltern weitergegeben wurde.

Mit der Übernahme der Trägerschaft durch die Stadt war eine Entwicklung in Gang gesetzt worden, der noch viele Wandlungen folgen sollten. Knapp zehn Jahre nach der Wiedereröffnung der Schule, im Januar 1956, als wegen des dauernden Konflikts mit der Evangelischen Heimstiftung die Zukunft der Schule außerhalb des Schlosses gesucht und das wirtschaftliche Risiko unübersehbar wurde, gab die Stadt Kirchberg ihre Trägerschaft auf, gewährte der Schloß-Schule jedoch von da ab aus dem Gemeindesäckel einen jährlichen Zuschuss und half auf diese Weise, dass das Kirchberger Gymnasium die Anerkennung als gemeinnütziges Unternehmen und damit zugleich einen Rechtsanspruch auf die begehrten Staatsgelder erwerben konnte.

Für kurze Zeit war Amalie Pfündel, die unterdessen das Erbe des verstorbenen Adolf Zoellners angetreten hatte, in ihrer Funktion als Gesamtleiterin, Internatsleiterin und Geschäftsführerin hauptverantwortlich für das Landerziehungsheim. Nach ausführlicher Beratung mit dem Oberschulamt, dem Württembergischen Gemeindetag und ihrem – noch von Zoellner als Nachfolger designierten – Sohn Albrecht ergriff Amalie Pfündel die Initiative und verkündete im Herbst 1958 der Schulgemeinde ihr neues Vorhaben:

Um den wirtschaftlichen Fortbestand unserer Schule zu sichern und die geplante Erstellung neuer Gebäude zu erleichtern, haben wir uns entschlossen, auf einen Teil unserer Eigentumsrechte zu verzichten und den Eltern unserer Schüler die Gründung eines gemeinnützigen Vereins vorzuschlagen. Dieser Verein soll der Träger des Unterrichtsbetriebes unserer Anstalt werden, während das Internat in der bisherigen Rechtsform weiterbestehen soll.

So wurde am 16. November 1958 aus finanziellen (und steuerlichen) Gründen, vor allem aber, um ohne jährlichen Nachweis in den Genuss des durch das Privatschulgesetz von 1956 bereitgestellten Landeszuschusses zu gelangen, die Schule rechtlich vom Internat getrennt und ein gemeinnütziger Verein, der Schloß-Schul-Verein Kirchberg e.V., gegründet. Seine wichtigste Aufgabe bestand darin, als Träger, Besitzer und Betreiber des seit kurzem staatlich anerkannten privaten Progymnasiums zu fungieren. Pflichtmitglieder des Schloß-Schul-Vereins waren die Eltern der internen Schüler. Die Eltern der Ortsschüler, Altschüler und andere Freunde und Förderer der Schule konnten dem Verein freiwillig beitreten. Der Vorstand bestand aus sieben bis zehn Personen, mit dem Bürgermeister von Kirchberg, dem Leiter der Schule und dem Geschäftsführer des weiterhin in Familienbesitz befindlichen Schülerheims als ständigen Mitgliedern. Die – leidige – Trennung zwischen vereinsbetriebener Lehranstalt und privatbetriebenem Schülerheim wurde indes wieder aufgehoben, als die Eigentümerfamilie Pfündel die Internatsgebäude an den Schloß-Schul-Verein 1977 zunächst verpachteten, dann 1985 endgültig verkauften. Nach gut 70 Jahren wurde damit aus einer ehemals reinen Privatschule Schritt für Schritt eine vollständig gemeinnützige Einrichtung.

Der Schloß-Schul-Verein existiert auch heute noch, jetzt aber als Förderverein und als Vereinigung der Altschüler. Seine ursprüngliche Funktion als Träger der Schule ging am 21. Februar 1989 an eine neu errichtete gemeinnützige Stiftung über, d.h. an die Stiftung Schloß-Schule Kirchberg an der Jagst, die sogleich wiederum eine gemeinnützige Gesellschaft mit beschränkter Haftung gründete, mit dem zentralen Auftrag, Schule und Internat zu betreiben und weiterzuentwickeln. So war – auf Initiative von Heinz Borchers – Zoellners alte Idee einer personenunabhängigen Sicherung der Schule schließlich doch noch Wirklichkeit geworden.

Schwieriger Neubeginn unter Karl Stabenow

Nachdem notdürftig Ordnung geschaffen, Unrat beseitigt, Wände gestrichen und Fenster repariert worden waren, konnte die Schloß-Schule pünktlich zu Schuljahresbeginn wiedereröffnet werden. Am ersten Schultag, dem 17. September 1946, kamen 48 Schüler und Schülerinnen (17 interne und 15 externe Jungen sowie 16 externe Mädchen) im Witwenbau zusammen, um in den Klassen Sexta bis Untertertia (heute 5 bis 8) von fünf Lehrern unterrichtet zu werden. Zur die Wiedereröffnung brachte Das Zeitecho. Heimatpresse für das nördliche Württemberg einen kurzen Bericht, in dem es unter anderem hieß:

In unserem Schloß ist seit dem 15. September d. J. die Schloßschule (Oberschule für Jungen mit Internat) wieder in Betrieb, und zwar unter der Obhut der Gemeinde. Durch ganzen Einsatz des Bürgermeisteramtes, des Gemeinderats und der Leitung des Internats ist es gelungen, die bereits seit etwa dreißig Jahren bestehende Schule wieder in Betrieb zu setzen. Diese Schule von gutem Ruf war weit über Württemberg hinaus bekannt. ... jetzt soll sie wieder neu erstehen und im Laufe der Zeit auch wieder den gleichen Stand wie früher erreichen.

Leiter der wiedererstandenen Schule war der bereits erwähnte Studienrat a. D. Karl Stabenow, ein Flüchtling, der während des Krieges in Kirchberg Unterschlupf gefunden hatte. Stabenow, eine stattliche Erscheinung und ein aufrechter Charakter, wurde am 10. August 1879 als Sohn eines Lehrers in Rummelsburg, Pommern, geboren. Er hatte Englisch, Französisch und Philosophie an der Friedrich-Wilhelm-Universität zu Berlin studiert, 1904 die Staatsprüfung für das Höhere Lehramt abgelegt und zusammen mit seinem Freund und Kollegen Johannes Frühling das Lehrbuch Praktisches Handbuch zur Unterrichts- und Erziehungsordnung an preußischen höheren Lehranstalten für die männliche Jugend (1917) geschrieben. Da er in der nationalsozialistischen Diktatur als überzeugter Demokrat von sich aus den Schuldienst quittiert hatte, um nicht in die Partei eintreten zu müssen, galt er als politisch einwandfrei.

Auch die anderen in Aussicht genommenen Lehrer waren unbedenklich und bekamen von den deutschen und amerikanischen Behörden ohne Umstände die notwendige Unterrichtserlaubnis: die Volksschullehrerin Wilhelmine Berg (Deutsch, Französisch), schon seit 1939 im Dienste der Schloß-Schule, der sudetendeutsche Studienassessor Ernst Hochsieder (Englisch, Sport), der Karlsruher Diplom-Ingenieur Hans Domaschky (Mathematik, Physik) und der blutjunge stud. rer. nat. Ludwig Schaarschmidt (Chemie, Biologie). Irgend welche Rückfälle in die Mentalität vergangener Zeit kamen nicht vor, konstatierte Stabenow in seinem ersten für das Kultministerium in Stuttgart angefertigten Jahresbericht, da alle Lehrer stets auf gute Ordnung und Haltung hielten und im Geiste der neuen Zeit unterrichteten.

So schnell wie die Anzahl der Schüler und Klassen wuchs, so schnell erweiterte und veränderte sich auch das Kollegium. Innerhalb von drei Jahren erhöhte sich die Zahl der vollbeschäftigten Lehrer von fünf auf neun; doch auch diese verweilten zumeist nur kurz an der Schule, vor allem deswegen, weil sie aufgrund des Wirtschaftswachstums wieder in ihren alten Beruf zurückkehren konnten oder aufgrund des kriegsbedingten allgemeinen Lehrermangels die Möglichkeit hatten, in den Staatsdienst einzutreten und rasch verbeamtet zu werden. Wie in der Vergangenheit war die Lehrerfrage ein ständiges Problem, das die Schulleitung bis weit in die siebziger Jahre hinein fortwährend beschäftigte.

Der Wiederaufbau der Schloß-Schule ging indes nur langsam voran. Durch die wechselnden Einquartierungen hatten die Gebäude schwere Schäden erlitten und die Möbel und Wertgegenstände größtenteils neue Besitzer gefunden. Wie Amalie Pfündel in ihren Erinnerungen schrieb:

Fast alle Matratzen und Bettstücke waren abtransportiert. Im Schloß gab es damals noch viel hohl gespannte Tapeten. Da suchten viele nach verborgenen Schätzen oder versteckten Waffen. Dabei wurden sogar die Heizkörper von den Wänden gerissen. Die Flüchtlinge benutzten Vorhänge und Tischdecken als Bettwäsche und räumten unsere Schränke aus. Ich sah Frauen in meinen Kleidern und Männer in den Anzügen unserer Lehrer und Schüler!

Nicht nur Soldaten und Kriegsgefangene, auch Kirchberger Bürger hatten sich an der Plünderung des Schlosses beteiligt und alles Tragbare und scheinbar Nützliche geraubt, manchmal vielleicht sogar im guten Glauben, dass die mitgenommenen Sachen Parteibesitz waren und der nicht mehr existierenden sog. SS-Schule gehörten. Die Wiederherstellung und neuerliche Ausstattung selbst mit dem Nötigsten erfolgte nur äußerst schwerfällig und schleppend. Trotz größter Bemühung, bekannte Stabenow am Ende des Schuljahrs, ist es bis heute noch nicht gelungen, alle Mängel und Schäden des Gebäudes und der Einrichtung abzustellen, so fehlt es noch an Unterrichtsmaterial [Lehrbüchern, Heften, Tafelkreide], an elektrischen Leitungen, einigen Öfen und Fenstern, ferner an Wirtschaftsgegenständen, besonders Geschirr, Waschschüsseln und Wäsche.

Wie zuvor verstand sich die Schloß-Schule als Landerziehungsheim, und Schritt für Schritt stellte man die Verhältnisse und Strukturen wieder her, wie sie – in der Tradition von Hermann Lietz – vor dem Kriege in Kirchberg bestanden hatten. Ernst Hochsieder, ein beliebter und engagierter Lehrer, der im August 1948 für den schwer erkrankten Stabenow die kommissarische Schulleitung übernommen hatte, beschrieb die außerunterrichtlichen Pflichtveranstaltungen und freien Angebote in dem Abschlußbericht für das Schuljahr 1947/48 so:

In zwei Arbeitsstunden täglich werden die Schüler zur pünktlichen Erledigung ihrer schriftlichen und mündlichen Hausaufgaben angehalten. Tägliche Spaziergänge oder Sport sorgen für den nötigen Ausgleich. Gartenarbeit auf dem zur Schule gehörenden Acker oder Beschäftigung in der Schreinerei gaben Anleitung zu praktischer Arbeit. Die Abende werden mit Spiel- oder Lesestunden ausgefüllt. Dabei stand bei den Kleinen unterhaltende Lektüre, bei den Größeren Beschäftigung mit Themen, die sich jeweils aus dem Deutschunterricht ergaben, im Vordergrund.

Interessengruppen im Basteln, Schachspielen oder anderen nützlichen und unterhaltsamen Beschäftigungen halfen die langen Winterabende verkürzen. Jeden zweiten oder dritten Sonntag fand ein Musikabend statt. Einige Herren des Lehrkörpers schlossen sich zu einem collegium musicum zusammen. Durch ihre Mitwirkung bei den Musikabenden versuchten sie, den Schülern klassische Musik nahezubringen. Im Zusammenwirken zwischen den Germanisten, Herrn Renker, und der Musiklehrerin, Frau Bruns, entstand ein Goethe- und ein Volksliedabend. Durch Einladung auswärtiger Künstler (Klavier, Cello, Gesang) suchten wir bei unseren Schülern das Musikverständnis zu fördern. Meist jedoch waren unsere Jungen selbst die Gestalter der Abende, die, unter ein bestimmtes Motto gestellt, in kleineren Vorträgen von Gedichten, Kurzgeschichten oder musikalischen Darbietungen ihren Mitschülern und den anwesenden Eltern viel Freude bereiteten.

Die Aktivitäten waren nicht nur für das Schulleben befruchtend. In der Tat wirkten die Veranstaltungen – wie später die Darbietungen des 1986 von Schulleiter Heinz Borchers und Kunsterzieher Bruno Seeber gegründeten Kulturzentrums „in der fabrik“ – über den engen Kreis der Schloß-Schule weit hinaus. Die Volkstanzabende und Theateraufführungen der Schüler, die Lichtbildervorträge des Mathematiklehrers und Ingenieurs Egon Kieslich, die Konzerte der beiden Musiklehrer, der begnadeten Sopranistin Irma Bruns und des exzellenten Klavierspielers Hans Below, natürlich auch die Gastvorstellungen der weltbekannten Pianistin Elly Ney, des Stuttgarter Kammertrios und des schwäbischen Dichters Wendelin Überzwerch waren überfüllt, so dass das Hohenloher Tageblatt bald zurecht feststellen konnte, dass die Schloß-Schule mit ihren wechselvollen Darbietungen aus dem Kultur- und Gemeinschaftsleben Kirchbergs nicht mehr wegzudenken ist.

Durch die Währungsreform, die im Juni 1948 erfolgte und die Einführung der DM mit sich brachte, verbesserte sich die wirtschaftliche Lage der Schule beträchtlich. Zwar kamen einige Schüler aus den Ferien nicht zurück, da die Eltern nicht mehr in der Lage waren, das monatliche Schul- und Erziehungsgeld von 25 DM für Ortsschüler und 250 DM für Internatsschüler aufzubringen. Aber die Abgänge konnten schnell durch Neuanmeldungen ausgeglichen werden. Im Schuljahr 1948/49 besuchten bereits 51 interne und 45 externe Schüler die Schloß-Schule, und in der Folgezeit stieg die Zahl der Internatsschüler kontinuierlich an, so dass zehn Jahre später 84 Interne im Schloss eine zweite Heimat gefunden hatten. Daher war jetzt auch genügend Geld vorhanden, um eine Dampfheizung und fließendes Wasser zu installieren und um Wandkarten, Mikroskope und Chemikalien für den Unterricht anzuschaffen.

Karl Stabenow starb, 69-jährig, am 13. Oktober 1948. Ein feiner Mann, mit dem wir uns gut verstanden, notierte Amalie Pfündel später. Leider ist er zu früh gestorben. Zugleich bezeichnete sie ihn als Strohmann und provisorischen Schulleiter, der täglich nur für ein paar Stunden in die Schule kam, um die offiziellen Dinge zu erledigen, besonders die Briefe zu unterschreiben.

Bald darauf hatte die Schloß-Schule einen zweiten empfindlichen Todesfall zu beklagen. Am 11. November 1950 verstarb, 71-jährig, der alte, hochverehrte Chef der Schule, Direktor Adolf Zoellner. Er sei, berichtete das Hohenloher Tageblatt unter der Überschrift Ein Leben für die Schule, weit über die Grenzen des Hohenloher Landes als glänzender Schulmann bekannt geworden und habe innerhalb von zwanzig Jahren mit regem Eifer erreicht, aus einer kleinen Reformschule ein blühendes Landerziehungsheim zu machen. Vor einer tiefbewegten Trauerversammlung erinnerte Kirchbergs 1948 wiedergewählter Bürgermeister Max Wendler als Vertreter der Gemeinde und des Schulträgers daran, wie Zoellner seine Schule gegen Zeit und Umstände behauptet [habe] und Hunderten von Schülern aus allen Teilen unseres Landes Erzieher, Freund und Vater gewesen sei; ehrerbietig nannte Wendler ihn den ungekrönten Fürsten dieses Schlosses.

Werner Lange und die schnelle Konsolidierung

Das Provisorium der ersten Nachkriegsjahre fand ihr Ende, als im April 1949 Dr. Werner Lange an die Schloß-Schule kam und sechs Monate später zu Stabenows Nachfolger ernannt wurde. Als Sohn eines Kammervirtuosen am 2. Oktober 1893 in Dresden geboren, war Lange im Ersten Weltkrieg Spähtruppführer gewesen, hatte in Tübingen und Dresden Mathematik und Physik, aber auch Philosophie, Pädagogik und Musik studiert und an der Technischen Hochschule seiner Heimatstadt mit einem mathematischen Beitrag zur Theorie singulärer Stellen der Berührungstransformationen 1923 den Doktortitel erworben. Nach Staatsexamen und Referendariat hatte er am berühmten Wettiner Gymnasium in Dresden unterrichtet und – reformpädagogisch orientiert wie er war – in den dreißiger Jahren das erste Schullandheim im Erzgebirge gegründet.

Nach neuerlichem Kriegsdienst und zweijähriger russischer Gefangenschaft tauchte er plötzlich, allein und unerwartet in Kirchberg auf, ausgestattet mit einem Empfehlungsschreiben des Badischen Kultministeriums, in dem ein befreundeter Oberregierungsrat ihm attestierte, er sei eine ganz ausgezeichnete und für die Arbeit im Landerziehungsheim besonders geeignete Kraft. Diese Charakterisierung traf voll ins Schwarze. Über 13 Jahre, bis zum 20. Oktober 1962, übte Lange die Schul- und Internatsleitung mit großem Geschick und großer Autorität aus. Bis kurz vor seinem Tod am 2. Juni 1969 kam er sommers wie winters in kurzen Hosen in die Schule, um dort auch weiterhin seinen experimentierfreudigen Physik- und anschaulichen Mathematikunterricht zu geben.
Lange, der hervorragend Klavier spielte und viele physikalische Geräte selbst herstellte, war ein strenger, aber stets hilfsbereiter Lehrer und Leiter. Immer wieder klagte er darüber, dass der Spielraum für die freie und abwechslungsreiche Gestaltung des Unterrichts äußerst beschränkt sei. Die Schloß-Schule, argumentierte er, könne ihre pädagogische Freiheit kaum nutzen und zu wenig selbständig über Lehrstoff und Methodik entscheiden, vor allem deshalb, weil sie keine staatliche Anerkennung besitze und die Schüler der Untersekunda (heute Klasse 10) daher am zuständigen Albert-Schweizer-Gymnasium in Crailsheim eine umfassende Prüfung mit völlig fremden Lehrern und teilweise unbekannten Inhalten ablegen müssten, um dann an einem anderen Gymnasium die Oberstufe besuchen und das Abitur machen zu können. Wie seine Vorgänger Besser und Zoellner verwahrte er sich vehement dagegen, die Schloß-Schule als Presse oder gymnasiale Hilfsschule zu sehen und dummen, faulen und lernunwilligen Kindern zum unverdienten Schulabschluß zu verhelfen. Daher freute er sich, wenn seine Schüler bei der Oberstufenprüfung gut abschnitten und gelegentlich sogar die Jungen und Mädchen anderer Schulen übertreffen und die jahrgangsbesten Absolventen im Kreis stellen konnten.

Der Politik Langes, seine Untersekundaner zu höchster Leistung anzuspornen und sie gründlich – auch durch die von Oberstudiendirektor Dr. Ascher ermöglichten eintägigen Unterrichtsbesuche in Crailsheim – auf die harte Prüfung vorzubereiten, war es zu verdanken, dass die Schloß-Schule nach vielen Visiten und Gutachten des Kultministeriums im Januar 1954 endlich zum staatlich anerkannten Progymnasium avancierte und damit wieder das Recht erhielt, die Prüfung zur Mittleren Reife im eigenen Hause abzunehmen.

Lange sorgte sich jedoch nicht nur um Schule und Unterricht, er kümmerte sich genauso intensiv um Internat und Erziehung. Im Schuljahresbericht vom August 1950 formulierte er in wenigen Sätzen, was man sein pädagogisches Glaubensbekenntnis nennen könnte. Er schrieb:

Neben dem Unterricht sieht die Schule ihre Hauptaufgabe in der Erziehung aller Schüler, aber mit besonderem Nachdruck der Heimschüler zu gewissenhaften, verantwortungsvollen Menschen, die schon von Jugend auf erkennen, daß im Leben der Gemeinschaft der Einzelne ein wirkendes Glied des Ganzen ist, daß es zumindest zu einem Teil von ihm selbst abhängt, wie sich sein augenblickliches und vielleicht auch sein späteres Dasein gestaltet; einen Jungen dahin zu bringen, daß er durch freiwillige Einordnung, durch Rücksicht auf andere und Mittätigkeit auch ohne einen Zwang von außen dem Ganzen und damit sich selbst förderlich ist, das ist der Kern unserer Heimerziehung.

Was Lange an der Schloß-Schule verwirklichen wollte, war also eine Erziehung zur Gemeinschaft und zur sozialen Verantwortung. Sie sollte – wie man heute sagen würden – Empathie, Respekt und Solidarität fördern und zudem Lücken und Defizite schließen, die durch eine ungünstige familiäre Situation, etwa durch eine berufstätige, alleinerziehende oder kranke Mutter oder durch tote, geschiedene oder verwöhnende Eltern, entstanden waren. Nach einer von Lange erstellten Statistik wurden knapp zwei Drittel der – seinerzeit noch ausschließlich männlichen – Internatsschüler zu Hause nicht beaufsichtigt, nicht geführt, nicht erzogen und oft zusätzlich dadurch belastet, dass beide geschiedenen oder sonstwie getrennten Elternteile versuchten, ihr Kind zu beeinflussen und im Ehekrieg für sich zu vereinnahmen, so dass der Junge effektiv nicht wußte, wohin er eigentlich gehört und hören soll. Kein Wunder, kommentierte Lange, wenn Jungen aus solchen Verhältnissen zeitweise in ihrer schulischen und seelischen Entwicklung gestört sind. Für diese Kinder sei die Schloß-Schule nicht nur eine Bildungsanstalt, sondern zugleich eine Seelen-Heilanstalt, die – hier wie sonst auch – nachdrücklich versuche, weniger durch Strafen als durch Lob und Ermutigung aus dem ihr anvertrauten jugendlichen Menschengut das Bestmögliche zu machen.

Das Scheitern eines Schülers konnte sie indes nicht immer verhindern; und die dann manchmal einsetzenden Versuche der Eltern, das bereits bezahlte Schulgeld zurückzuerhalten, wurden von der Schloß-Schul-Leitung als abwegig angesehen und stets als ungerechtfertigt zurückgewiesen. Wie Amalie Pfündel anlässlich einer solchen Auseinandersetzung zum auch heute virulenten Thema we pay, you play einmal treffend bemerkte:

… eines ist sicher, ein Internat ist kein Geschäft! Die Eltern können nicht sagen: wir bezahlen das viele Geld, dafür müssen unsere Kinder aber sofort gute Schüler werden! – Man könnte es vielmehr mit einem Arzt vergleichen, der eine Kur verordnet, aber nicht garantieren kann, ob sie auch wirklich hilft. Dabei würde es niemandem einfallen, dem Arzt das von ihm berechnete Honorar zu verweigern. Er hat ja getan, was er für richtig hielt in bester Absicht.

Dass eine Schule, um erfolgreich zu sein, eine Erziehungsphilosophie brauchte, die die Interessen und Bedürfnisse der Schüler berücksichtigte, aber auch Lehrer und Erzieher benötigte, die ihre individuellen pädagogischen Vorstellungen zurückstellen konnten und in Abstimmung mit ihren Kollegen die Normen und Regeln der Schule vertreten und durchsetzen wollten – das wußte Lange natürlich. Er scheute indes nicht davor zurück, die weit verbreitete, jedoch allzu selten thematisierte Diskrepanz von Erziehungstheorie und Erziehungswirklichkeit auch offen und differenziert anzusprechen.

Sechs, acht oder mehr Erzieher, die ganz im gleichen Sinne arbeiten, gibt es kaum, umsoweniger, als man sie sich heute nicht aus einem Überschuß heraus auswählen kann. Nun ist es zwar durchaus gut, wenn gewisse Gegenpole in einer Erziehergruppe vorhanden sind, diese Polarität bewahrt vor Einseitigkeit, ja womöglich gelegentlicher Ungerechtigkeit, und gibt stetig neue Impulse. Leider gehören zur Mannigfaltigkeit einer Erzieherschaft – ich rede keineswegs nur von der unsrigen – nicht nur solche befruchtenden Gegenpole, sondern auch solche, die einer „Nullzone“ in puncto Erziehung angehören. Dabei ist durchaus möglich, daß diese Erzieher vom besten Willen beseelt sind, aber es fehlt ihnen das notwendige Fluidum, das die Verbindung zur Jugend, zur jugendlichen Seele herstellt. Ich kenne Lehrer, deren Unterricht einwandfrei ist, die gerecht, geistig beweglich, pflichtbewußt und eifrig sind; aber außerhalb des Unterrichts wissen sie nur durch übertriebene Nachsicht, ja Nachlässigkeit, oder aber auch durch sture Anwendung herkömmlicher kleinerer oder größerer Strafen den normalen Verkehr aufrecht zu erhalten. Die Folge davon ist, daß die wirkliche Erziehungsarbeit auf diejenigen sich konzentriert, die sich darauf verstehen oder wenigstens ernstlich bemühen, den richtigen Weg zu gehen. Das sind – überall – nur einige.

Trotz manch unzulänglicher Kollegen fand Lange immer genügend Lehrer und Pädagogen, die seine Erziehungsvorstellungen teilten und durch eine Vielfalt von Vorhaben dazu beitrugen, die Schüler geistig anzuregen und zu engagierten und verantwortungsvollen Menschen heranzubilden. So konnte Lange im Laufe der Zeit das Repertoire der schulischen und internatlichen Aktivitäten erweitern und eine Reihe von Unternehmungen wiederbeleben, intensivieren oder neu einführen, die – wie zum Beispiel das technische Werken, der Flug- und Schiffsmodellbau, das Photographieren, das Puppen- und Schattenspiel, die Wander-, Kultur- und Theaterfahrten und der zehntägige Skiaufenthalt im Allgäu (mit strammem Sport und geregeltem Unterricht) – bei den Schülern zum Teil begeisternden Anklang fanden. Zudem gab Lange den beiden großen Ereignissen des Schuljahres ihren alten Stellenwert zurück. Das Weihnachtsfest wurde wieder mit besinnlichen Feiern und Krippenspielen begangen, und das 1934 vom Bund der Kirchberger Altkameraden initiierte Schulfest zu Pfingsten erblühte zu neuem Leben. Über das Pfingstfest von 1952 brachte das Hohenloher Tageblatt unter der Überschrift Das Städtchen über die Feiertage von Fremden überfüllt einen Bericht, der Ablauf und Atmosphäre des dreitägigen Festes anschaulich wiedergibt:

Wie alljährlich beging die Schloßschule während der Pfingsttage ihr Schulfest, das, einer langjährigen Tradition folgend, die Eltern der Schüler, die Altkameraden und die Freunde der Schule zu einer frohen Schulgemeinde vereinte. Am Samstagnachmittag wurden sportliche Kämpfe durchgeführt. Der Begrüßungsabend brachte nach Frühlingsliedern und Lichtbildern über das Leben im Internat ein wohlgelungenes Spiel der Kleinen vom „Till Eugenspiegel“. Am Morgen des Sonntags wurde den Eltern der Heimschüler Gelegenheit zur persönlichen Aussprache mit den Lehrern gegeben, von welcher ausgiebig Gebrauch gemacht wurde. Am Nachmittag versammelten sich die Gäste auf dem Sophienberg zu einem bunten Nachmittag. Nach den Tummelspielen der Schüler gelang es diesen, ihre Väter unter großem Hallo im Tauziehen zu besiegen. Ganz besonders hervorzuheben war der Holzschuhtanz, von den Kleinen in reizender Kostümierung und feiner Weise dargeboten.

Den Höhepunkt jedoch bildete, wie in jedem Jahre, am Abend des Sonntags die Feier im Schloßhof. Schüler und Schülerinnen der oberen Klassen brachten „Kleider machen Leute“, ein Spiel, frei nach der gleichnamigen Novelle von Gottfried Keller zur Aufführung. Man konnte seine helle Freude an den jugendlichen Spielern haben, an der frischen ungezwungenen Art, mit welcher sie ihre Rollen verkörperten. Die zahlreichen Zuschauer, unter denen sich auch viele Kirchberger befanden, spendeten reichen Beifall. Während das Schloß und der Stadtturm beleuchtet wurden, bewegte sich ein Laternenumzug durch den Park. Es war besonders reizvoll, aus der Ferne das Band der kleinen Lichter auf seinem Wege rund um das Schloß zu beobachten. – Die meisten Eltern und Altschüler blieben noch den Montag über in Kirchberg. Der zahlreiche Besuch des Schulfestes hat gezeigt, welch lebendiges und reges Interesse die Eltern für die Arbeit der Schule aufbringen und wie gerne sich die Altschüler an ihre Schulzeit in Kirchberg erinnern.

Als Verfechter einer Erziehung zur sozialen Verantwortung schenkte Lange seine besondere Aufmerksamkeit einem Aspekt des Schullebens, der in der Geschichte der Schloß-Schule bislang keine oder nur eine untergeordnete Rolle gespielt hatte, nämlich die Schülermitverantwortung. Schon Zoellner hatte einzelnen Schülern gewisse Aufgaben in der Verwaltung des Internats übertragen, und gleich nach der Wiederöffnung der Schule hatte sich die Schulleitung zur neuen demokratischen Ordnung und zur institutionellen Schülermitbestimmung bekannt. Unsere Oberschule mit Internat, hieß es in einem Schreiben an die amerikanische Militärregierung in Stuttgart, unterrichtet nach den amtlichen Lehrplänen der staatlichen Oberschulen im Geiste der Toleranz und Humanität. Ihre besondere Aufgabe als Internatsschule liegt in der Ausbildung der Persönlichkeit. Die Erziehung zur demokratischen Lebensform, Selbstverwaltung der Schüler u.s.w. sei ihr ein besonderes Anliegen. Die Schloß-Schul-Leitung bediente sich hier der einprägsamen Formeln, die der Erziehungsphilosophie John Deweys und der Re-education-Politik der US-Regierung zugrunde lagen. Gleichwohl gab es in Kirchberg zunächst nur sehr zarte Ansätze einer demokratisch verfassten Schülermitverantwortung, wie Lange in seinem ersten Schuljahresbericht offen eingestand:

Zu einem wirksamen, wohlorganisierten Parlament haben wir es zwar infolge der niedrigen Anzahl älterer Schüler noch nicht gebracht, doch hat sich die jeden Samstagabend stattfindende Schülerversammlung (man kann sie auch „Forum“ nennen) bisher sehr bewährt. Dort bespreche ich in kameradschaftlicher Weise die schulischen Ereignisse der vergangenen Woche und lasse mir von den Jungen Vorschläge und Wünsche vortragen. Davon wird in ausgiebiger und meist (überraschend) vernünftiger Weise Gebrauch gemacht.

Zwei Jahre später war der Demokratisierungsprozess vorangeschritten. Das wiedererstandene Hausmagazin Der Schloßgeist berichtete im Juli 1952 unter der Überschrift Sinn und Zweck des Schülerrates ausführlich über die Änderungen, die Lange angestoßen und vorangetrieben hatte: Unser Schülerrat besteht aus 9 stimmberechtigten Mitgliedern der Klassen 2-7. Der Vorsitzende des Schülerrates wird jedes Jahr von der gesamten Schülerschaft gewählt und ist Mittelsmann zwischen Schülerschaft und Schulleitung. Bei jeder Sitzung ist auch ein Reporter des Schloß-Geistes anwesend. Mindestens einmal im Monat findet eine ordentliche Sitzung des Schülerrates statt, wo Vorschläge besprochen und Anträge beschlossen werden. Der Schülerrat ernannte auch Minister, die insbesondere für Post, Bibliothek und Fahrradstall, für Sport, Kultur und Krankenversorgung zuständig waren.

Im Gegensatz zu manch anderem Landerziehungsheim, an dem bis weit in die sechziger Jahre hinein ein patriarchalisch-autoritärer Zug vorherrschte und die Schüler nur durch Kooptation oder durch Beschluss der Leitung in gewissen Verwaltungs- und Entscheidungsgremien aufgenommen wurden, hatte sich an der Schloß-Schule schon bald nach dem Kriege eine unabhängige und selbstbewusste Schülervertretung etabliert. 

Der Schulprospekt als Ausdruck des Zeitgeistes

Der erste Schulprospekt der Nachkriegszeit kam wohl im Schuljahr 1950/51 heraus. Es ist insofern ein äußerst bemerkenswertes Dokument, da es sich in Aufbau und Aufmachung kaum von dem Prospekt unterscheidet, der 1933/34, also in der Hochzeit der Anpassung an das nationalsozialistische Regime verfasst wurde. Unter dem gleichlautenden Titel Im schönen Schwabenland werden in beiden Dokumenten mit völlig oder fast identischen Formulierungen vor allem der landschaftliche Reiz Hohenlohes, der Vorzug kleiner Klassen und die Wichtigkeit ganzheitlicher Erziehung dargestellt. Hier sei der in beiden Texten übereinstimmende, mit Schwung und Poesie geschriebene erste Absatz wiedergegeben:

Im schönen Schwabenland gibt es eine Gegend, die so behütet vor allem Lärm der großen Städte und vor der Unruhe der Eisenbahnen und Durchfahrtsstraßen, dass sie dem Fremden, der durch Süddeutschland eilt, zunächst verschlossen bleibt. Es ist die sanft gewellte Hohenloher Ebene, die von den tausendfach gewundenen, steil eingefressenen Tälern des Kochers, der Jagst und ihrer Nebenflüsse durchfurcht wird, ein abgelegener und doch leicht erreichbarer Landstreif lieblicher Wiesen und Wälder, verschwiegener Schlösser und Burgen, das Land, das den Hintergrund für Agnes Günthers wundervolle Naturschilderungen in dem Roman „Die Heilige und ihr Narr“ abgibt. – Und inmitten dieses sagenumwobenen, gesegneten Gaues liegt das kleine Städtchen Kirchberg mit seinem wuchtigen, alten Schloß steil über der Jagst, dem Sitz unseres Landschulheims. Kann es eine idealere Stätte für junge, in der Entwicklung stehende Menschen geben … ?

In dem überarbeiteten Nachkriegsprospekt fehlen auf den darauf folgenden Absätzen natürlich Begriffe wie Gemeinschaft, Volksganzes, Erdverbundenheit und selbstverständlich auch Sätze, die eindeutig der nationalsozialistischen Ideologie und Machtsicherung zuzuordnen sind. So ist nicht mehr die Rede vom erzieherischen Wert des Trommelns, Schießens und Marschierens oder von Lehrfächern wie der Eugenik und der blut- und bodengebundenen Rassenkunde, auch nicht von der schuleigenen Hitlerjugend, die für die politische Erziehung sorgt und auf den Dienst in der SA und SS vorbereitet. Freilich werden nicht nur einzelne Wörter oder ganze Sätze weggelassen; vielmehr zeichnet sich der Nachkriegstext auch dadurch aus, dass in ihm ideologisch belastete Begriffe einfach durch neue, jetzt politisch korrekte Begriffe ausgetauscht werden, ohne dass das übrige Satzgefüge irgendwie korrigiert oder verändert wird. Zur Illustration zwei, synoptisch angeordnete Beispiele:
 
Schulprospekt von 1933/34

Das Zusammenleben zu mehreren auf den Zimmern und in dem Heim ganz allgemein läßt Kameradschaftlichkeit, Opferwille und Treue selbstverständlich werden.

So wollen wir unsere Jungen bilden und sie zu ganzen Männern erziehen, die sich in allen Lagen des Lebens zurechtfinden, zu ganzen Deutschen vor allem, denen das Wohl des Vaterlandes über das eigene Wohl steht, und diese Gesinnung dereinst nicht nur mit Worten, sondern auch mit Taten beweisen werden.

Schulprospekt von 1950/51

Das Zusammenleben zu mehreren auf den Zimmern und im Heim ganz allgemein läßt Ordnungssinn und Selbständigkeit selbstverständlich werden.

So wollen wir unsere Jungen bilden und sie zu ganzen Menschen erziehen, die sich in allen Lagen des Lebens zurechtfinden, zu Menschen vor allem, die einstmals als freie Persönlichkeiten am Wohl und der Weiterbildung der Menschheit mitarbeiten.

Der Vergleich zeigt das Verfahren. Bei sonst gleichbleibendem Wortlaut wird im ersten Beispiel statt von Kameradschaftlichkeit, Opferwille und Treue jetzt von Ordnungssinn und Selbständigkeit geredet. Noch eindrucksvoller ist das zweite Beispiel: aus Männern und Deutschen werden nun Menschen und Persönlichkeiten, und aus dem Wohl des Vaterlandes wird das Wohl der Menschheit. Drastischer läßt sich die Anpassungsfähigkeit sprachlicher Muster an die jeweils gegebene historische Situation nicht demonstrieren, und ökonomischer läßt sich auch die weltanschauliche Umstellung von der nationalsozialistischen Diktatur zur bundesrepublikanischen Demokratie wohl kaum bewerkstelligen. Bemerkenswert ist noch ein drittes: Der Prospekt von 1950/51 hätte nach Form und Inhalt auch ohne weiteres in der Weimarer Republik erscheinen können. Tatsächlich sind einzelne Formulierungen dem Schloß-Schulprospekt entnommen, der um 1930 herauskam. Hier wie dort finden sich Sätze wie: Wir halten die Mitwirkung der Frau bei der Erziehung für notwendig, und unsere Kleinen stehen unter ihrer besonderen Obhut. Und: Der Pflege des Verantwortungsgefühls dient eine gewisse Selbstverwaltung: die Aufrechterhaltung der Ordnung in Schule und Haus liegt zum Teil in den Händen der Schüler.

Dass der Prospekt von 1950/51 dennoch aus der Nachkriegs- und nicht aus der Weimarer Zeit stammt, das läßt sich – abgesehen von einer neu eingefügten Photographie – nur an einer einzigen, leicht zu überlesenden Textstelle festmachen. Denn wie sein Pendant beginnt der eingangs zitierte Absatz mit der Schönheit des Schwabenlandes, seinen tiefen Tälern und lieblichen Wiesen, doch anders als dieser endet er nicht mit Blut- und Bodenromantik, sondern mit einem Hinweis auf die kind- und entwicklungsfeindlichen Zerstörungen des Zweiten Weltkriegs. Kann es, formulierte der unbekannte Verfasser herausfordernd, eine idealere Stätte für junge, in der Entwicklung stehende Menschen geben, die oft in der Hetze und zwischen den Trümmern der großen Städte aufgewachsen sind? (statt: die oft in der Hetze großstädtischen Lebens ohne die gesunden Kräfte kerniger Erdverbundenheit aufgewachsen sind?)

Kurz und gut, der Prospekt von 1950/51 weist in zwei Richtungen. Er ist einerseits die um ca. ein Drittel gekürzte und um nationalsozialistisches Gedankengut gereinigte Fassung von 1933/34. Zum anderen ist er ein typisches Dokument der Adenauer-Ära, in der die Bundesrepublik ihr ideologisches Heil in der Rückbesinnung auf traditionelle Werte und in der Restauration der – idealisierten – Verhältnisse suchte, die vor 1933 in der Weimarer Republik herrschten.

Eine folgenreiche Entscheidung – der Auszug aus dem Schloss

Amalie Pfündel, die Eigentümerin und Geschäftsführerin der Schloß-Schule, hatte es von Anfang an gewußt. Jung und Alt passten nur schwer zusammen. Als eine andere Lösung nicht möglich schien, hatte sie versucht, mit der Inneren Mission einen sinnvollen Kompromiß zu finden und die Räume des Schlosses so aufzuteilen, dass beide Institute (Altenheim und Privatschule) nebeneinander bestehen können. Dies war ihr nicht gelungen. Die Innere Mission hatte auf ihrer Meinung beharrt, das vordere Schlossareal und damit den der Stadt zugewandten Durchgangsbereich zu okkupieren; und sie hatte Pfündels – sinnvolle – Forderung missachtet, die beiden Anstalten räumlich und funktional sauber zu trennen. Nun tobten die Schüler durch gemeinsame Flure und Treppenhäuser und lärmten auf Höfen und Plätzen, die von allen genutzt und gebraucht wurden. Die Alten dagegen verlangten – zurecht – nach Ruhe und Rücksicht. Zank, Streit und Ärger bestimmten das Verhältnis. Unzählige Beschwerdebriefe wurden ausgetauscht, zahllose Krisensitzungen anberaumt. Beide Anstaltsleitungen fochten leidenschaftlich für die Interessen ihrer Klientel und kämpften erbittert um Spielplätze, Klassenzimmer und Fahrradkeller, um Aborte, Waschküchen und Schweinekoben.

Als im Frühsommer 1950 bekannt wurde, dass der Landesverband der Inneren Mission mit der Fürst zu Hohenlohe-Öhringen’schen Verwaltung über den Kauf des Kirchberger Schlosses verhandelte, waren Schulleitung und Stadtverwaltung alarmiert. Doch Oberkirchenrat Otto Seitz beschwichtigte im Namen des Landesverbands umgehend die erregten Gemüter. Wegen der privaten Oberschule im Schloss darf ich Ihnen die beruhigende Mitteilung machen, dass diese mit dem Internat in keiner Weise gefährdet ist, uns ist es recht, wenn sie im Schloss bleibt. Tatsächlich entspannte sich die Lage, nachdem die Innere Mission das gesamte Schlossareal gekauft und an die neugegründete Evangelische Heimstiftung übergeben hatte. Im Sommer 1953 versuchte man noch einmal ernsthaft, den unterschiedlichen Interessen gerecht zu werden, indem Gebäude und Räume getauscht und – wie von Amalie Pfündel von Anfang an gefordert – die Schule hauptsächlich im vorderen, das Altenheim hauptsächlich im hinteren Teil des Schlosses untergebracht wurden. Schulleiter Dr. Lange vorderhand zufrieden.

Der Fortschritt besteht darin, daß die früher weit verstreut und unübersichtlich liegenden Klassenzimmer, die außerdem teils zu groß, teils zu klein waren, auf engem Raum in einem Gebäude (Eberhardsbau) untergebracht werden konnten, wobei auch die Größe und Helligkeit der Räume den Anforderungen viel besser als bisher entspricht. Die Beaufsichtigung der Schüler, besonders auch in den Pausen, ist jetzt sicherer gewährleistet, und viele unnötigen Wege werden erspart.

Doch die Zeit der friedlichen Koexistenz währte nicht lange – sie konnte auch nicht lange währen, weil das Grundproblem – die leidige Raumfrage – durch Verlegungen und Umzüge einfach nicht zu lösen war. Beide Anstalten expandierten und benötigten zusätzlichen Platz. Die Evangelische Heimstiftung unterhielt nicht nur das Altenheim mit bald über 150 Bewohnern, sie betrieb darüber hinaus – entgegen aller Vereinbarungen und trotz ständiger Proteste – zeitweise eine Kochschule, einen Integrationskurs für Vertriebene und vor allem ein florierendes Jugendheim, das bis zu 100 Mädchen und Jungen aufnahm und selbst nach Errichtung der Kirchberger Jugendherberge und des Stuttgarter Schullandheims in der Villa Schöneck noch Landaufenthalte, Ferienlager und Wochenendseminare für Schulklassen, Jugendgruppen und Posaunenchöre aus der ganzen Bundesrepublik anbot. Die Unterbringung der Jugendlichen im Schloss war aus Sicht der Evangelischen Heimleitung nicht ganz unproblematisch, weil die Jungen des Internats zu allen Tages- und Nachtzeiten Möglichkeiten suchten und fanden, wie man damals sagte, unerlaubte und unerwünschte Verbindungen zu den im Jugendheim wohnenden Mädchen einzugehen.

Aber auch die Schloß-Schule vergrößerte sich stetig und litt zunehmend unter der Raumnot. Innerhalb von zehn Jahren verfünffachte sich die Zahl der Internatsschüler und stieg von 17 auf 90 im Jahre 1957 an, so dass sich die Schulleitung schon im Sommer 1953 gezwungen sah, die Kleinsten, d.h. die Jungen der vierten Grundschulklasse und der ersten Oberschulklasse, außerhalb des Schlosses unterzubringen. Dazu mietete sie die einstige Pension und Gaststätte „Silberau“ in der Rothenburger Straße an – ein wahres Schmuckkästchen, wie das Hohenloher Tagblatt zu berichten wusste:

Dieses landschaftlich so reizvoll gelegene Haus mit anschließender herrlicher Gartenterrasse wurde innen zweckentsprechend umgebaut und auch außen tadellos renoviert. Außer 4 hellen freundlichen Schlafzimmern im 1. Stock, die für die Buben neu eingerichtet wurden, befinden sich im Erdgeschoß zwei sonnige Aufenthaltsräume, die einen äußerst wohnlichen, warmen Charakter haben. Die sanitären Anlagen sind mustergültig, wobei es sich beinahe erübrigt, auf ein neu eingebautes Bad hinzuweisen. Zu erwähnen wären noch die hübschen Wohnräume für aufsichtführende Kräfte, die bereits bezogen wurden. So konnte nun die Schloß-Schulleitung für weitere 16 bis 18 Buben Platz schaffen.

Trotzdem – der Konflikt war vorprogrammiert, irgendwann musste der Streit um Räume, Plätze, Zugänge erneut aufflammen. Der Anlass, der schließlich zum Bruch und zum Auszug der Schule aus dem Schloss führte, war nicht neu. Schon 1950 hatte die Fürst zu Hohenlohe-Öhringen’sche Verwaltung die im Grundbuch von Kirchberg mit den Parzellen Nr. 20 und 21/32 bezeichneten Gemüsegärten „am Stadtweg“ für sich beansprucht, gleichwohl wegen des anstehenden Verkaufs auf die sofortige Durchsetzung ihrer Forderung verzichtet. Fünf Jahre später griff die Evangelische Heimstiftung als neue Besitzerin des Schlosses die Sache auf und kündigte – ohne Gespräch und Vorwarnung – am 14. Juli 1955 die jetzt so genannten Schlossterrassen, also das Gartengrundstück von ca. 640 qm, das unterhalb des Witwenbaus lag, seit 1926 zur Schule gehörte und von Erwachsenen wie Kindern als Erholungsort und Anbaufläche genutzt wurde. Als offiziellen Grund für die Kündigung gab die Heimstiftung Eigenbedarf an, aber der eigentliche Grund war, dass der neue evangelische Pfarrer Karl Steybe – mit Einverständnis der Stuttgarter Pfarrgutsverwaltung und möglicherweise unter Berufung auf das von seinem Vorgänger Gottlob Diez genossene Privileg – unterhalb des Pfarrhauses einen Garten mit Terrassenplatz gewünscht und versprochen erhalten hatte. Amalie Pfündel reagierte rasch und heftig.

Bei den Terrassen handelt es sich um einen lebenswichtigen Bestandteil unseres Betriebes, auf den wir nicht verzichten können. ... Wenn man mit diesem Wunsch [von Karl Steybe] an uns herangetreten wäre, so hätte ich sicher Verständnis gezeigt und wäre dem Herrn Pfarrer entgegengekommen, indem ich ihm einen kleineren Teil der Terrassen unterhalb des Pfarrhauses abgetreten hätte. Pfarrer Steybe sagte mir, daß er keineswegs die ganzen Terrassen haben wolle. Dass der übrige Teil vom Altenheim benötigt würde, kann ich mir nicht gut vorstellen. Er ist zum Aufenthalt der alten Leutchen nicht geeignet und um das übrige Schloß herum ist noch so viel Platz, der zu Gartenzwecken gerichtet werden kann, dass gerade der Platz vor unseren Fenstern am wenigsten in Frage kommt.

Mit dem letzten Satz erinnerte Amalie Pfündel an den nachbarlichen Dauerstreit, der sich daran entzündete, dass Schüler und Hausmädchen immer wieder einmal Wasser oder Kehricht aus den Fenstern kippten und dadurch die Bewohner des Altenheims erschreckten und verärgerten. Zudem wollte sie darauf aufmerksam machen, dass die Schüler beim Verlust der Terrassen wie bisher, jetzt aber verbotenerweise, die sog. Himmelsleiter benutzen würden, um auf kürzestem Weg vom Schloss an die Jagst zu gelangen und sich dort etwa im Cafe Flaig oder später im Cafe Illig bei Eis, Kaffee und Kuchen zu vergnügen.

Der Einspruch der Schule hatte Erfolg. Die Evangelische Heimstiftung lenkte ein und bestand nicht auf der Kündigung. Sie verkaufte aber – wie von Amalie Pfündel vorgeschlagen – ca. 83 qm der oberen Schlossterrasse an die Evangelische Pfarrgutsverwaltung, damit Pfarrer Steybe und seinen Nachfolgern ein für allemal ein ans Pfarrhaus angrenzender Hausgarten zur Verfügung stand. Trotz des glimpflichen Ausgangs war für Amalie Pfündel das Tischtuch zerrissen. Sie glaubte nicht mehr an die Versicherung der Heimleitung, dass mit dem Raumtausch von 1953 alle Wünsche des Altenheimes erfüllt seien.

Zusammen mit ihrem Sohn Albrecht, der nach Krieg und Kriegsgefangenschaft studiert und – inzwischen Studienassessor für Mathematik und Physik am Albert-Schweitzer-Gymnasium in Crailsheim – zunehmend die Verantwortung für die wirtschaftlichen Belange der Schloß-Schule mit übernommen hatte, verfasste sie ein Grundsatzpapier und schickte es am 21. Februar 1956 an Kirchbergs Bürgermeister Max Wendler. In dem umfangreichen Schreiben nahm sie zunächst zur gegenwärtigen Situation Stellung und listete all die Gründe auf, die den Verbleib der Schule im Schloß langfristig unmöglich machten: die Unterbringung zweier völlig unterschiedlicher Heime in einem engen, miteinander verwobenem Komplex, die hohen Kosten der Miete und Instandhaltung, das fehlende Freizeitgelände in unmittelbarer Nähe der Schule und der Bedarf an zusätzlichen Räumen beim geplanten Ausbau zum Vollgymnasium. Anschließend äußerte sich Amalie Pfündel zur Zukunft des Landerziehungsheims und stellte drei Alternativen vor, wie die Schloß-Schule außerhalb des Kirchberger Schlosses weitergeführt werden könnte:

1. Der Neubau eines Schülerheims am Stadtrand oder in unmittelbarer Nähe von Crailsheim. Die Schüler würden dann das Gymnasium in Crailsheim besuchen, wo mein Sohn als Assessor beamtet ist. Der Vorteil läge darin, dass ein solcher Betrieb immer rentabel wäre, da die Lehrergehälter als unser grösster Ausgabeposten in Wegfall kämen. Man könnte deshalb mit verhältnismässig geringen Kosten und einer kleinen Schülerzahl beginnen. ...

2. Die Übernahme eines anderen Schlosses oder ähnlichen Gebäudes, welches besser instand ist und ein grösseres Freigelände hat als unser hiesiges Schloss. Ein entsprechendes Angebot liegt uns vor. ...

3. Die in ideeller Hinsicht für uns beste Lösung wäre der völlige Neubau einer Schule mit Internat in Kirchberg oder an einem anderen Ort. Es ist uns klar, dass dies die schwierigste und kostspieligste Lösung ist. Trotzdem werden wir zunächst einmal versuchen, unser Problem auf diese Weise zu lösen, bevor wir einer der oben aufgeführten Möglichkeiten näher treten.

Und so geschah es, dass die Schloß-Schule die dritte Alternative fest ins Auge fasste und sogleich ernsthaft begann, mit den Altkameraden über zinslose Darlehen zu sprechen und – vor allem – mit der Stadt Kirchberg über einen bezahlbaren und günstig gelegenen Bauplatz zu verhandeln. Doch die Frage, wo nun tatsächlich gebaut werden sollte, bereitete einiges Kopfzerbrechen. Zuerst hatte die Stadtverwaltung der Schloß-Schule einen Teil ihres Baumgutes an der Straße nach Lobenhausen angeboten und aus diesem Grund den geplanten Aussiedlungshof Häberlein auf dem gleichen Grundstück stadtauswärts geschoben, aber die Naturschutzbehörden verweigerten die Baugenehmigung. Nach langem Suchen konnte dann doch noch ein Gelände gefunden werden, das – an der Crailsheimer Straße oberhalb der Lindenallee gelegen – allen Beteiligten zusagte und gegen keine Auflagen verstieß.

Die Gemeinde unternahm wirklich alles, um die Schloß-Schule in Kirchberg zu halten und als Motor der Wirtschaft und als Förderer des kulturellen Lebens zu bewahren. Sie gab über 3000 qm Gemeindeland zu einem symbolisch geringen Preis ab, übernahm fünfzig Prozent der Kosten für die Grundstücke von Landwirt Dietz und Schaiders Erben, gewährte eine hohe Ausfallbürgschaft und reduzierte die Erschließungsgebühren auf ein Minimum, so dass die Familien Amalie und Albrecht Pfündel gut zwei Hektar Land erwerben und mit erheblichen Krediten und Darlehen nach fünf Jahren Planung auf der „Windshöhe“ den Schulneubau beginnen konnten.
Aus praktischen, aber auch aus finanziellen Überlegungen erfolgten Neubau und Umzug jedoch in zwei Phasen. Zunächst – im Mai 1961 – wurden die Gebäude für das Internat fertiggestellt und unter tatkräftiger Mithilfe der gesamten Schülerschaft zwei Monate später bezogen. Die Vorzüge, die gegenüber der Situation im alten Schloß herrschten, waren nicht zu übersehen, aber das öffentliche Lob hielt sich – im Vergleich zur Silberau – in engen Grenzen. Wie das Hohenloher Tagblatt berichtete:

Die Jungen wohnen jetzt in freundlichen Dreibettzimmern, denen es zwar an Komfort mangelt, dafür alle Merkmale der Zweckmäßigkeit haben. Für den Feierabend stehen außerdem Gruppenräume zur Verfügung. Im kommenden Frühjahr soll unmittelbar an dem Internat ein Sportplatz gebaut werden.

Da die Schulräume noch im Eberhardsbau verblieben, mussten die internen Schüler nun einen – ungeliebten – zwanzigminütigen Fußweg zum Schloss auf sich nehmen, um den Unterricht zu besuchen. Drei Jahre später – unterdessen war die gesamte Schul- und Internatsleitung von Dr. Lange auf Albrecht Pfündel übergangen – hatte die Mühsal indes ein Ende. Dank großzügiger Landeszuschüsse konnte das Schulhaus schneller als erwartet erbaut und die für ein Landerziehungsheim unerläßliche Einheit von Schule und Internat wiederhergestellt werden.

Die feierliche Einweihung der gesamten Anlage erfolgte am 5. Dezember 1964 in Anwesenheit hoher Würdenträger aus Stadt, Kreis und Land. Nach einer musikalischen und gesanglichen Einleitung des Schulorchesters unter Leitung von Frau [Ursula] Borchers, begrüßte Bürgermeister Wendler als Vorsitzender des Schloßschul-Vereins die Festversammlung. Dann gab Studiendirektor Albrecht Pfündel, Leiter der Schloß-Schule, einen Rückblick über die Entwicklung in den letzten 50 Jahren. In seiner Festrede hob Finanzminister Dr. Hermann Müller den Wert und Nutzen der Privatschulen für Staat und Gesellschaft hervor. Während Landrat Dr. Werner Ansel die Bedeutung der Schloß-Schule für die Hebung unausgeschöpfter Begabungsreserven im ländlichen Raum durch eine großzügige Geldspende unterstrich, brachte Oberstudiendirektor Helmut Vock vom Albert-Schweitzer-Gymnasium in Crailsheim die enge Beziehung beider Schulen durch ein Gemäldegeschenk zum Ausdruck. Bürgermeister Wendler bekräftigte zum Schluss noch einmal das Interesse der Stadt an dem Erhalt einer höheren Bildungsanstalt in Kirchberg.
Mit dem Umzug vom Schloß auf die Windshöhe war ein entscheidender Schritt vollzogen und eine neue Epoche in der Geschichte der Schloß-Schule eingeläutet. Genau fünfzig Jahre nach ihrer Gründung musste sich die Schule nicht mehr auf die Güte und Kooperationswilligkeit eines Vermieters verlassen, der es – nach Meinung von Albrecht Pfündel – von Anfang an auf den Besitz der gesamten Schlossanlage abgesehen und deshalb die der Schule zuerkannten Räume stets in einem krassen, antiken Zustand belassen hatte, um sie nicht zur Bleibe zu verleiten. Nun war die Schloß-Schule selbst Hausherrin und besaß ein eigenes Heim, das schlicht, aber zweckmäßig eingerichtet war und genügend Raum für Erweiterungen und Entwicklungen bot. Wenn diese bedeutende private Oberschule mit Internat auch nicht mehr im Schloß untergebracht und wirksam sein kann, verkündete Kirchbergs prominentester Schriftsteller Harro Schaeff-Scheefen der Öffentlichkeit, wird sie auch draußen auf der Windshöhe im Bewußtsein der Kirchberger die „Schloßschule“ sein und bleiben.